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Neue archäologische Untersuchungen auf der ottonischen Königspfalz von Helfta

12. Oktober 2026

Die folgende Presseinformation ist auch als PDF [0,4 MB, nicht barrierefrei] zum Herunterladen erhältlich.

In den Jahren 2020 bis 2023 erbrachten archäologische Forschungsgrabungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt auf der Anhöhe ›Kleine Klaus‹ bei Lutherstadt Eisleben Spuren der verschollenen ottonischen Königspfalz Helfta. Mit der vor 969 durch Otto den Großen gegründeten Radegundiskirche und dem aus derselben Zeit stammenden Palast konnten 2021/22 die zentralen Bauten des einstigen mittelalterlichen Herrschaftsortes identifiziert werden. Im Zusammenhang mit der von diesen Entdeckungen ausgehenden, durch das Land Sachsen-Anhalt geförderten Entwicklung einer touristischen Infrastruktur durch die Lutherstadt Eisleben werden die archäologischen Untersuchungen derzeit fortgesetzt. Sie erbrachten bereits zahlreiche aussagekräftige Funde und Befunde zur Ausgestaltung der Anlage und zum Leben in der ottonischen Pfalz, aber auch der hoch- bis spätmittelalterlichen Burg der Familie von Hackeborn, die sich später hier erhob.

Rückblick: Wiederentdeckung einer verschollenen Königspfalz

In den Jahren 2020 bis 2023 brachten archäologische Forschungsgrabungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt auf dem Hügel ›Kleine Klaus‹ vor den Toren der Lutherstadt Eisleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) Überreste der verschollenen Königspfalz Helfta ans Licht. Spektakulär waren die Entdeckung der vom ostfränkischen König und römischen Kaiser Otto dem Großen (912 bis 973) vor 969 gestifteten Radegundiskirche mit ihrem Friedhof und die Lokalisierung des zur selben Zeit errichteten steinernen Palastes. Mit ihm konnte die königliche Residenz und Versammlungshalle identifiziert werden. Daneben wurden mächtige Befestigungen der Hauptburg und ihrer Vorburgen, ausgedehnte Grubenhausstrukturen als Wohnstätten der einfachen Bevölkerung, technische Anlagen wie Kalk- und Darröfen sowie Gräber aus der Karolingerzeit freigelegt. Diese Befunde dokumentieren einerseits die im Hersfelder Zehntverzeichnis des 9. Jahrhunderts erwähnte Helphideburc, die den Ausgangspunkt der mittelalterlichen zentralörtlichen Entwicklung auf der Anhöhe und die Keimzelle der Pfalz des 10. Jahrhunderts darstellte. Andererseits bilden sie die zeitgenössisch als curtis imperialis (kaiserlicher Hof) überlieferte ottonische Pfalzanlage ab, zu der neben den repräsentativen Bauten des Palastes und der Kirche auch Einrichtungen zur Versorgung und Infrastruktur sowie Wohngebäude gehörten. Für die Pfalz selbst sind Aufenthalte Ottos des Großen, aber auch seines Sohnes und Nachfolgers, Kaiser Ottos II. (955 bis 983) sowie des berühmten Chronisten Bischof Thietmar von Merseburg (gestorben 1018) belegt. Auch die im 12. Jahrhundert auf der ›Kleinen Klaus‹ erbaute Adelsburg, deren Spuren sich ebenfalls im Boden erhalten haben, hat erhebliche historische Bedeutung: Sie war im Besitz der Familie von Hackeborn und damit möglicherweise das Elternhaus der Helftaer Zisterzienserinnen Gertrud (1232 bis 1292) und Mechthild von Hackeborn (1241 bis 1299). Die beiden Schwestern waren zentrale Protagonistinnen der spirituellen Blüte des im Tal gelegenen Frauenklosters, die bis heute ausstrahlt.

Ergebnisse der aktuellen archäologischen Ausgrabungen

Im Zusammenhang mit der von den skizzierten Entdeckungen ausgehenden, durch das Land Sachsen-Anhalt geförderten Entwicklung einer touristischen Infrastruktur im Rahmen des Strukturentwicklungsprogramms Mitteldeutsches Revier Sachsen-Anhalt ›Sachsen-Anhalt REVIER 2038‹ für die Königspfalz Helfta durch die Lutherstadt Eisleben wird die Untersuchung der Pfalz und ihres unmittelbaren Umfeldes derzeit durch das LDA Sachsen-Anhalt fortgesetzt.

Zu den spannendsten Ergebnissen der seit dem 31. August 2026 laufenden Grabungen unter Leitung von Prof. Dr. Felix Biermann zählt die Freilegung eines weiteren Steingebäudes neben dem ottonischen Palatium (Palast), das anhand der Funde sicher in das 10. Jahrhundert datiert werden kann. Es gehört damit nicht nur zu den frühesten profanen Steingebäuden in Helfta sowie Sachsen-Anhalt insgesamt, sondern ergänzt auch die Gruppe der repräsentativen Bauwerke, die das Zentrum der Helftaer Pfalz bildeten: Das aus Stein errichtete und weithin sichtbare Ensemble aus Kirche, Palast und dem neu entdeckten Bauwerk stellte eine beeindruckende Demonstration von Anspruch und Macht des Königs dar. Noch ungewiss ist die Funktion des etwa 9 mal 5 Meter großen, unterkellerten Gebäudes, das eine gut erhaltene Zugangstreppe aufweist. Es könnte sich um ein Gästehaus für adeliges Gefolge des Herrschers oder um den Sitz des Burggrafen handeln, der während der Abwesenheit des Königs hier residierte. Zeitlich in denselben Kontext gehört eine nun aufgedeckte, mit Steinen befestigte Terrasse an der Ostseite des Palastes, die ein repräsentatives Podest im von Palast und Kirche begrenzten Hof der Pfalz bildete. Möglicherweise diente sie als Bühne für Versammlungen unter freiem Himmel. So ergibt sich ein immer facettenreicheres Bild des steinernen Herzens der Königspfalz – ein unmittelbares Zeugnis der architektonischen Herrschaftsrepräsentation Kaiser Ottos des Großen und seines Sohnes in den Jahrzehnten vor der Jahrtausendwende.

Viel bescheidener sind die Relikte der Wohnhäuser und Werkstätten in der südöstlichen Vorburg, die wieder zahlreich aufgedeckt wurden: in der Regel rechteckige Grubenhäuser von drei bis fünf Metern Seitenlänge, die einst über Wände aus Flechtwerk und Lehm sowie Holz- oder Reetdächer verfügten. Solche eher anspruchslosen Bauten, erwärmt durch eine steingesetzte Feuerstelle, waren die Behausungen und Arbeitsorte der normalen Bevölkerung, die die wirtschaftliche Basis des Pfalzortes bildeten. Wie Tongewichte, Gusstiegel und ein Kalkbrennofen zeigen, ging man hier unter anderem der Textilbearbeitung, der Kalkproduktion (für Putz und Mörtel) sowie der Buntmetallbearbeitung nach. Die königliche Lebenssphäre und jene des einfachen Volkes wurden nicht nur durch die Befestigungsanlagen der Hauptburg voneinander getrennt, sondern, wie die Funde deutlich zeigen, auch durch den Lebensstandard. Die ökonomischen und sozialen Strukturen Helftas im Mittelalter werden sich aus den archäologischen Zeugnissen detailreich rekonstruieren lassen. 

Die hoch- und spätmittelalterliche Burg der Hackeborns, die im 12. Jahrhundert und damit zu einer Zeit entstand, als die Siedlung auf der ›Kleinen Klaus‹ schon an Bedeutung verloren hatte, war viel kleiner als ihre karolinger- und ottonenzeitlichen Vorgänger. Die ovale, grabenbefestigte Hauptburg von etwa 50 Metern Durchmesser mit einer etwas größeren Vorburg nahm einen exponierten Sporn im Nordosten der alten Helphideburc ein. Bereits 2023 konnten die Reste ihres rechteckigen Hauptturms freigelegt werden. Derzeit steht der Burghof im Umfeld des Bergfrieds im Fokus der Untersuchungen: Die Fundamente der ovalen Wehrmauer und von daran angesetzten Baulichkeiten, darunter Keller und Schwellen von Fachwerkhäusern, sowie eines größeren, palasartigen Bauwerks haben sich gut erhalten und belegen eine stattliche und sehr wehrhafte Adelsburg, die – wie alles andere auf der ›Kleinen Klaus‹ – heute gänzlich von der Erdoberfläche verschwunden ist.

Die diesjährigen Forschungen auf dem Gelände und im unmittelbaren Umfeld der einstigen ottonischen Königspfalz Helfta werden noch bis zum 24. Oktober 2026 fortgesetzt. Sie werden durch insgesamt rund 20 Freiwillige unterstützt, die ehrenamtlich an der Ausgrabung teilnehmen. Mit ihrer Unterstützung wurden neben den bereits skizzierten Befunden zahlreiche Gräber vom Friedhof der Radegundiskirche, Mauerreste und Gräben der immer wieder aufs Neue befestigten Anhöhe (bis hin zu den Standspuren einer Palisadenbefestigung bereits aus der vorrömischen Eisenzeit) und ein zweiter unterirdischer Tunnel, ein sogenannter ›Erdstall‹ aus dem späten Mittelalter, untersucht. 

Innerhalb des reichen Fundmaterials stechen etliche Silbermünzen des 10. bis. 15. Jahrhunderts sowie ottonische Schmucksachen wie Ohrringe und emaillierte Gewandspangen (darunter eine ungewöhnliche halbmondförmige Fibel) hervor. Hinzu kommen eiserne Pfeilspitzen, viel Keramik mit den typischen slawischen Wellenverzierungen, eine noch fast funktionsfähige Knochenflöte sowie ein kreisaugenverziertes Fragment eines Geweihkästchens aus der Zeit um 1000. Damit offenbart sich die ›Kleine Klaus‹ einmal mehr als Brennpunkt der Landesgeschichte, mit reichen Zeugnissen kriegerischer Zeiten, prunkhafter Herrschaftsrepräsentation und regen wirtschaftlichen Lebens über viele Jahrhunderte hinweg.

Kontakte

Dr. Oliver Dietrich | Dr. Tomoko Emmerling
Öffentlichkeitsarbeit
+49 345 5247-334 | -384
oeffentlichkeitsarbeit@lda.stk.sachsen-anhalt.de
 

Daniela Messerschmidt | Maik Knothe
Öffentlichkeitsarbeit
+49 3475-655 | -600 oder -141
presse@lutherstadt-eisleben.de

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