Reste von über 10.000 Jahre alten Holzkonstruktionen im Arendsee gefunden – Unterwasserarchäologie wirft neues Licht auf die Mittelsteinzeit
30. September 2026
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Bereits seit mehreren Jahren führt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt im Arendsee im Norden Sachsen-Anhalts unterwasserarchäologische Untersuchungen durch. In diesem Jahr gelang den Forschern eine sensationelle Entdeckung: gut erhaltene, bis zu 10.500 Jahre alte Hölzer, die von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern bearbeitet wurden. Ob es sich um Reste von Wohnbauten oder um gänzlich neue, bisher unbekannte Holzkonstruktionen handelt, ist Gegenstand der laufenden Forschungen.
Bereits seit mehreren Jahren erfolgen im Arendsee (Altmarkkreis Salzwedel) taucharchäologische Untersuchungen. Aufsehen erregten etwa der Fund jungsteinzeitlicher Fischzäune, eines hochmittelalterlichen Prahms (flachbodiges Lastschiff) sowie eines spätmittelalterlichen Einbaums. Im Sommer 2026 gelang es Forschern des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt dem See ein weiteres Geheimnis zu entlocken. Die neuen Funde führen in die Zeit von vor etwa 10.500 Jahren zurück, in der die Menschen noch nicht dauerhaft sesshaft waren und sich vom Jagen, Sammeln und dem Fischfang ernährten. Zu dieser Zeit, die von Archäologen als Mesolithikum (Mittelsteinzeit) bezeichnet wird, lebte auch die Schamanin von Bad Dürrenberg – und nachweislich bereits Menschen am Ufer des Arendsees.
Durch eine geologische Besonderheit des Sees sind die Spuren der damaligen Besiedlung sowie auch die einstige Uferlandschaft außerordentlich gut erhalten: im Gegensatz zu anderen Binnengewässern, welche im Laufe von Jahrtausenden langsam verlanden, sinkt der Grund des Arendsees durch geologische Prozesse über einen im Untergrund liegenden Salzstock langsam ab. Dadurch liegen die mesolithischen Funde heute unter einer dünnen Sedimentschicht in etwa 20 Metern Tiefe und sind ausgezeichnet konserviert.
»Neben den üblicherweise aus dieser Zeit erhaltenen Funden, wie Steingeräten oder Tierknochen, konnten unsere Taucher spektakuläre Hölzer bergen, welche aus dieser Epoche nur sehr selten erhalten geblieben sind«, erklärt Landesarchäologe Harald Meller, »Die Funde werfen ein ganz neues Licht auf die Mittelsteinzeit, für die Spuren von Bauten bislang in Mitteldeutschland nur in Form von Erdverfärbungen bekannt sind.« Nach ersten Erkenntnissen könnte es sich bei einem 1,6 Meter hohen Pfahl mit Fällspuren oder den bis zu 1,3 Meter langen Spaltbrettern um Reste ehemaliger Konstruktionen handeln.
»Ob wir hier Reste von Hütten, oder andere, bisher vollkommen unbekannte Holzkonstruktionen vor uns haben, ist Gegenstand der laufenden und zukünftigen Forschungen. Sollten bereits vor 10.500 Jahren – also 3.000 Jahre vor der Ankunft der ersten Bauern mit ihren Langhäusern in Mitteleuropa – dauerhafte Bauten, oder intensiv gestaltete Lebensräume existiert haben, hätte dies nicht nur weitreichende Folgen für unser Bild von Jägern und Sammlern, sondern auch der Herkunft moderner Kulturlandschaften«, erläutert Marcel Weiß, Projektleiter von Seiten des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. »Die Unterwasserarchäologie am Arendsee bietet eine einmalige Chance, die Wurzeln unserer modernen Welt kennenzulernen.« Bislang wird die grundsätzliche Transformation der natürlichen Umwelt zu Kulturlandschaften mit den ersten Bauern verbunden, die um 5500 vor Christus nach Mitteldeutschland einwanderten.
Im Nachgang zu ihrer Entdeckung im Frühling 2026 wurden weitere Proben und einzelne Funde geborgen, um die Ausdehnung und das Alter der Fundstelle zu bestimmen. In einer zweiten Kampagne in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung, Institutsteil für angewandte Systemtechnik, IOSB-AST, Ilmenau, wurden mit Hilfe eines Remote Operated Vehicels (ROV) – einem Unterwasserroboter – hochauflösende Sonarscans angefertigt, um das Relief des einstigen Ufers zu dokumentieren. Durch die genaue Lagebestimmung der einzelnen Fundsituationen können die Verdachtsflächen eingegrenzt und zukünftige unterwasserarchäologische Untersuchungen geplant werden. »Die Unterstützung der Arbeiten unter Wasser mit modernsten Technologien, die am Fraunhofer-Institut in Ilmenau entwickelt werden, ist für die Archäologie von unschätzbarem Wert.«, sagt Sven Thomas, Taucheinsatzleiter des Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt am Arendsee.
Die spektakulären Funde von vor 10.500 Jahren aus dem Arendsee versprechen einen vollkommen neuen Einblick in die Zeit der berühmten Schamanin von Bad Dürrenberg, die noch bis zum 7. Februar 2027 im Zentrum der Sonderausstellung ›Die Schamanin‹ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) steht.
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