Industriearchäologie an der Dessauer Akzisemauer
April 2026
Gusseiserne Rohre als Gegenstand einer archäologischen Untersuchung? Das wäre vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen. Im Ortsteil Dessau der kreisfreien Stadt Dessau-Roßlau war genau dies der Fall. Der Ort des Geschehens ist die nahezu West-Ost verlaufende Ferdinand-von-Schill-Straße, ehemals Ackensche Straße, (Abbildung 1) im Stadtviertel Neustadt. Zu der seit dem Ende des 17. Jahrhundert planvoll angelegten Stadterweiterung gehört die 1702 geweihte Johanniskirche mit dem Neumarkt. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stellt dieses Quartier die Verbindung zwischen dem Bahnhof im Nordwesten und der Altstadt im Südosten dar. Im westlichen Teil der Schill-Straße befanden sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Gebäude der Domäne Neuwülknitz.
Die Grenze zwischen Stadt und Land wurde durch eine Stadtmauer markiert, die der Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau (1676 bis 1747), ›Der Alte Dessauer‹, ab 1711/1712 errichten ließ. Dem voraus ging seit 1708 der Abtrag des älteren, spätmittelalterlichen Befestigungsringes (innere Stadtmauer). Das neue Bauwerk wird als Akzisemauer (äußere Stadtmauer) bezeichnet. Es diente keinem wehrtechnischen Zweck, sondern der Erzielung von Steuereinnahmen. Die Akzise wurde bereits 1704 im Fürstentum eingeführt. Heutzutage sind obertägig erhaltene, öffentlich zugängliche Abschnitte dieser Mauer nur noch im Dessauer Stadtpark erhalten (Abbildung 2).
Im Kreuzungsbereich Johannisstraße, ehemals ›Die Neustadt‹,/Schill-Straße verlief die Akzisemauer mit dem ersten Akenschen Tor von Nord nach Süd (Vergleich Abbildung 1). Eine Grafik aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt von Süden nach Norden folgende Elemente (Abbildung 3): Mauer, Durchlass für Fußgänger, Mauer, Pfeiler, zweiflügeliges Tor (Durchlass für Kutschen und Gespanne), Pfeiler sowie ein längeres Mauerstück mit zwei Entlastungsbögen. Das letztgenannte Element liegt ›hinter‹, das heißt nördlich von einem Lattenzaun.
Die Neugestaltung der Ferdinand-von-Schill-Straße erforderte ein vollständiges Entfernen der Straßendecke. Hier zeigten sich im Kreuzungsbereich nur 0,5 Meter unter dem Pflaster die Reste eines Ziegelsteinfundamentes (Abbildung 4). Es weist eine maximale Breite von zirka 90 Zentimeter (drei Ziegelsteinlängen) auf und ist nur noch in einer Höhe von zwei Lagen erhalten. Der Rücksprung in der Mauerbreite von drei Elementen auf einen Ziegelstein wird entweder mit der Verjüngung des aufgehenden Mauerwerkes im Bereich der Entlastungsbögen zusammenhängen oder durch jüngere Störungen verursacht sein.
Dieser Baubefund belegt, dass der Abriss (1851) des Akenschen Tores und der zugehörigen Mauer im Straßenbereich nicht grundhaft erfolgte. Man ersparte sich nicht nötige Schachtarbeiten. Vermutlich ging der Rückbau des Mauertorsos in mehreren Etappen vonstatten. So könnte zum Beispiel die Verlegung von Straßenbahngleisen um 1900 zu einer weiteren Reduzierung des Rest-Mauerbestandes geführt haben. Schon Jahrzehnte zuvor hinterließ die beginnende Industriealisierung Spuren im Boden. Dies belegen eindrücklich die im Bereich der Akzisemauer dokumentierten gusseisernen Leitungen (Abbildung 5).
Für das Verlegen der Leitungsrohre 1 und 2 im Süden wurde das Ziegelsteinmauerwerk untertunnelt (Abbildung 6 und 7). Bei dem im Norden befindlichen Rohr 3 wurde ein Leitungsgraben in offener Bauweise geschachtet (Abbildung 8). Es liegt nahe, die verschiedenen Arbeitstechniken mit einem unterschiedlich großen Bauwerksvolumen über dem Verlegekorridor zu erklären. Es wurde die jeweils weniger arbeitsintensive Variante gewählt. Für Leitung 1 und 2 bedeutet dies, dass die Durchteufung des Erdreiches weniger aufwendig war, als der Rückbau des aufgehenden Mauerwerkes. Umgekehrt gilt, dass bei der Verlegung von Leitung 3 das Entfernen des spärlichen Ziegelsteinfundamentes weniger Anstrengung bedeutete, als das Graben eines Erdtunnels. Aufgrund der Verlegetiefe (Frostfreiheit) ist Leitung 1 als Wasserleitung anzusprechen, bei den Leitungen 2 und 3 wird es sich sehr wahrscheinlich um Gasleitungen handeln.
Eine wichtige chronologische Marke für den systematischen Auf- und Ausbau einer dem Industriezeitalter angemessenen Infrastruktur ist in Dessau das Jahr 1855 mit der Gründung der Deutschen Continentalen-Gas-Gesellschaft (DCGG). Die erste Gasanstalt wurde in der Nähe des Bahnhofes errichtet, nur 300 Meter nordwestlich der hier vorgestellten Befundsituation gelegen. Eine weitere Etappe folgte ab 1874: die Brunnen und ›Plumpen‹ wurden durch den Bau einer zentralen Wasserleitung ersetzt. Unter Zugrundelegung dieser Jahreszahlen lässt sich schlussfolgern, dass der Rückbau des Akenschen Tores beziehungsweise der Stadtmauer 1851 maximal bis zur Erdgleiche oder bis knapp unter Straßenniveau stattgefunden haben kann. Der seinerzeitige Mauerrest war zirka 50 Zentimeter höher als in Abbildung 5 dokumentiert und stellte somit eine hinreichend massive Kubatur dar, um die Erstverlegungen der gusseisernen Rohre mit einer Durchörterung auszuführen.
Die vorgestellten Befunde (Abbildung 5) illustrieren pointiert und schlaglichtartig zwei wichtige Abschnitte der Dessauer (Wirtschafts-)Geschichte: Merkantilismus und Industriezeitalter.
Literatur
Kreißler, Frank: 800 Jahre Dessau-Roßlau, eine Stadtgeschichte, Band 1: Dessau bis 1900, Halle (Saale) 2015.
Opitz, Georg: Dessaus Tore und Stadtmauern, Zwischen Wörlitz und Mosigkau. Schriftenreihe zur Geschichte der Stadt Dessau und Umgebung, Heft 30, Dessau 1987, 29 bis 31.
Text: Helge Jarecki
Online-Redaktion: Sarah Krohn, Anja Lochner-Rechta







