Eine Überraschung im Feldsteinbrunnen - Das Kanonenrad aus dem Tagebau Profen, Baufeld Domsen
September 2026
Im Zuge der Ausgrabungen im Vorfeld des Kohleabbaus werden immer wieder überraschende Befundsituationen vorgefunden. So war es auch im Bereich der ehemaligen Ortschaft Grunau unmittelbar nördlich des gleichnamigen Flüsschens. Das Geländerelief ist hier relativ stark durch das einschneidende Tal der Grunau geprägt. Nördlich der Grunau beginnt ein deutlicher Geländeanstieg, der um etwa 25 Meter von 144 Meter auf 169 Meter über Normalnull überwiegend steil ansteigt, um oben auf einem terrassenartigen Plateau zu enden. Die fragliche Befundsituation liegt am Hangfuß, circa 50 Meter vom modernen Bachlauf entfernt, im Bereich der ehemaligen Flußaue.
Bereits im Vorjahr wurde in diesem Bereich ein frühbronzezeitlicher Röhrenbrunnen freigelegt. Die Holzröhre bestand aus Eichenholz, um sie herum lag in einem Durchmesser von circa fünf Metern eine Fundstreuung bestehend aus Hölzern, dicht gepackten Geröllen, Steingeräten, Tierknochen und Keramikscherben, die mutmaßlich zur Befestigung des Geländes eingebracht worden waren, um trockenen Fußes Wasser schöpfen zu können. Die Bearbeitung dieses Befundes erbrachte in der näheren Umgebung weitere, kleinere Brunnenröhren und Wasserschöpfstellen, die sich alle im Bereich einer anstehenden großen bläulichen Tonlinse gruppierten (Abbildung 1). Insgesamt liegen mit Abschluss der Grabung sieben Holzröhren- und zwei Flechtwerkbrunnen vor. Bei zwei weiteren kleineren Verfärbungen war kein Holz mehr erhalten, aber auch sie stammen vermutlich ebenfalls von Röhrenbrunnen. Konnte bei der Bearbeitung der Holzröhrenbrunnen Keramik geborgen werden, so war sie als frühbronzezeitlich anzusprechen. Diese Einordnung wird durch mehrere Radiokarbon-Daten aus dem zuerst aufgedeckten Röhrenbrunnen bestätigt. Dagegen war zumindest einer der Flechtwerkbrunnen erst im Mittelalter angelegt worden, was unter anderem durch einen sogenannten Schlitzhenkel bezeugt wird.
Am östlichen Rande dieses frühbronzezeitlichen Holzröhrenbrunnenfeldes wurde jedoch noch ein weiterer Befund freigelegt. Dabei handelte es sich um eine unförmige Ansammlung von Feldsteinen, die sich erst in einem zweiten Blick als Brunneneinfassung zu erkennen gaben. Diese wurde auf ein dokumentierbares Planum abgetieft (Abbildung 2). Anschließend wurde ein Schnitt durch den Schacht gelegt (Abbildung 3). Dabei wurde überraschenderweise etwa 90 Zentimeter tiefer ein Holzspeichenrad freigelegt (Abbildungen 4 bis 7).
Die Feldsteine waren auf dem liegenden Holzrspeichenrad in Trockenmauertechnik aufgemauert worden. Dabei maß das Schachtinnere mit 1,06 Meter deutlich weniger als der Radreifen, der einen Durchmesser von 1,60 Meter aufweist (Abbildungen 4 bis 7). Eine Eingrabung in Form einer Baugrube konnte nicht festgestellt werden. Dies bedeutet, dass das ausgehobene Loch an der Sohle knapp 1,60 Meter groß gewesen sein muss, in das dann das Rad abgelassen wurde. Danach wurde ‒ innen stehend ‒ der Trockenmauerschacht aufgebaut.
Aus der Verfüllung des Brunnenschachtes wurden neuzeitliche und glasierte Keramikscherben geborgen, außerdem Überreste von Steingeräten in Form von Reibe-, Klopf- und Schleifsteinen, sowie das Fragment eines Mühlrades. An der Sohle fanden sich zwischen den Speichen des Rads unter anderem vier kleine Messer mit Holz- beziehungsweise Knochengriff.
Aus der Füllung der Nabe konnten diverse pflanzliche Überreste in Form von Kernen der Gattung Prunus (Pflaume, Kirsche, Schlehe) sowie ein Bruchstück einer Haselnussschale ausgeschlämmt werden. Dabei waren auch wenige Fischgräten.
Die Felge des Holzrades ist aus sechs Segmenten gefertigt, an einer Stelle ist ein verdünntes Ende in Form eines Zapfens zu erkennen, der ursprünglich als Verbindungsstück zwischen zwei benachbarten Segmenten diente (Abbildungen 8 und 9). Jedes Segment enthält zwei Speichen.
Die Felge ist zehn Zentimeter breit bei einer Stärke von sechs Zentimeter. Die zwölf Holzspeichen sind jeweils paarig angeordnet. Demzufolge bilden die sechs Speichenpaare ein markantes Felgenbild (Abbildungen 10, 11 und 12). Die Speichen sind annähernd rechteckig mit einer Länge von 62 Zentimetern, sie verjüngen sich aber zur Felge hin und sind dort von eher rundlicher Form. Mit der Felge sind sie durch je einen aus dem Speichenende herausgearbeiteten kleinen Zapfen verbunden. Auf der Nabenseite nehmen zwölf paarig angeordnete rechteckige Speichenlöcher die aus dem Speichenende herausgearbeiteten Zapfen auf (Abbildungen 13, 14 und 15).
Auf dieser Seite sind sie von rechteckiger Form, jedoch schmaler als das sichtbare Speichenstück. Ganz am Ende befindet sich eine rechteckige, sich am Endpunkt leicht verjüngende Aussparung, die mutmaßlich wie eine Art Haken um einen Stift beziehungsweise Dübel im Inneren der Nabe gefasst hat. Im Inneren der Nabe kann man durch die Speichenlöcher ein quer liegendes, rundliches, etwa 1,5 bis zwei Zentimeter starkes Holzstück – den Stift – erkennen, der eventuell zur einhakenden Verbindung zwischen der Aussparung am Speichenende und der Nabe gedient hat. Der Stift – möglicherweise auch mehrere – wurde mutmaßlich von der Nabenaußenseite eingeschlagen. Er wurde demnach eingeschlagen, bevor die Speichen in die Nabe eingebracht worden sind. Eigentlich sind die Zapfen der Speichen, die in der Nabe befestigt sind, von rechteckiger Form – die am besten geeignete Form, um die maximale Menge an Befestigungsmöglichkeit auf engstem Raum herauszuholen. Sie werden eingeschlagen und bedürfen somit eigentlich keiner so filigranen Befestigung.
Die Nabe ist aus einem Stück Holz gearbeitet. Sie ist 31 Zentimeter lang mit einem maximalen Durchmesser von 20 bis 22 Zentimeter. In der Regel besteht sie aus einem Stammstück (Rüster [Ulme] oder Eiche), da diese sehr zähe und unter Belastung gegen Rissbildung resistente Harthölzer sind. Die Speichen sind wegen der Federwirkung üblicherweise aus Ulme oder Esche, sie können aber auch aus Eiche hergestellt sein. Dagegen werden die Felgensegmente in der Regel aus Eichenholz gefertigt, Buche, Esche aber auch Ahorn wären möglich. Es ist davon auszugehen, dass das am einfachsten und am schnellsten greifbare Holz verwendet worden ist – im Raum zwischen Saale und Elster in der Regel Eiche, Esche und Ulme.
Die Holzartbestimmung im Zuge der dendrochronologischen Analyse ergab, dass die Speichen unseres Rades aus Eiche gefertigt worden sind, die Felge dagegen aus Buche.
Auf der Laufseite der Holzfelge wurden in bestimmten Abständen Eisen[?]-Nägel festgestellt, die einen ehemals vorhandenen mutmaßlich eisernen Radreifen fixierten (Abbildungen 11 und 16). Dieser Radreifen diente der Stabilisierung und Festigung der hölzernen Elemente. Seine Passgenauigkeit war obligat, deswegen musste er von einem Schmied angefertigt werden.
Auf den schmaleren Enden der Nabe saßen ehemals zwei Nabenringe aus Eisen. Sie dienten der Festigung und Sicherung der Nabe sowohl beim Einschlagen der Speichen als auch während der Fahrt. Diese sind jedoch nicht mehr vorhanden: entweder wurden sie vor der Versenkung des Rades entfernt oder aber sie sind vergangen.
Ein Stück der Holzfelge wurde für eine Radiokarbon-Beprobung entnommen. Das daraus gewonnene Alter liegt im Sigma2-Bereich zwischen 1451 bis 1621 nach Christus. Dies bedeutet, dass der Baum spätestens nach 1621 nicht mehr weitergewachsen ist. Für den Bau von Holzrädern wird gut abgelagertes, trockenes Holz benötigt.
Spannend ist das Felgenbild des Rades, das durch zwölf paarig angebrachte Speichen gebildet wird. Dieses auffällige Felgenbild ist bekannt geworden im Zusammenhang mit militärischen leichten Geschützen, den sogenannten Lederkanonen. Die Lederkanone hatte eine kurze Blütezeit zu Beginn des 17. Jahrhunderts und wurde unter anderem im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) eingesetzt. Dabei lagerte die Kanone auf einer einachsigen Rad- oder Feldlafette (Abbildung 17).
Sie wurde von Gustav II. Adolf als neues Geschütz eingeführt. Dieses war »sehr leicht und außen mit Leder überzogen […] Das Innovative an dieser Geschützform war ihr geringes Gewicht und damit ihre leichte Beweglichkeit. Eine Artilleriestellung konnte aufgrund des enormen Gewichts der bisher verwendeten Geschütze kaum verlegt werden. Die leichten Lederkanonen konnten hingegen von wenigen Soldaten bedient und bewegt werden. Sie unterstützten die eigene Infanterie besser, da man den vorrückenden Gegner immer wieder neu ins Visier nehmen konnte« (Schönauer, 2012, 74—75).
Somit ist anzunehmen, dass das im Feldsteinbrunnen vorgefundene Kanonenrad aus dem Tagebau Domsen, Ortslage Grunau ursprünglich in der Schlacht von Lützen eingesetzt war, das nur etwa zehn Kilometer von Grunau entfernt ist. 1632 kam der Schwedenkönig Gustav II. Adolf in dieser Schlacht zu Tode.
Ein zweites Holzspeichenrad mit gleichem Speichenbild wurde übrigens in nur 0,5 Kilometer Entfernung in der benachbarten Gemarkung Großgrimma in einem weiteren Brunnenbefund vorgefunden. Das Rad war bereits in einer großen Grube versenkt worden, es lag auf der Seite und sollte wohl der Gründung eines weiteren Feldsteinbrunnens dienen. Es fanden sich jedoch nur drei vereinzelt liegende Steine. Das Rad beziehungsweise die Grube war unverrichteter Dinge wieder zugeschüttet worden, ohne dass es zur Wasserentnahme gekommen ist. Es war zerbrochen und sein Durchmesser war in situ mit 1,35 Meter zwar kleiner, allerdings könnte ein Felgensegment fehlen, so dass die ursprüngliche Größe ebenfalls bei etwa 1,60 Meter gelegen haben kann. Zwei Dendrodaten ergaben für dieses Exemplar lediglich ein ›Fälldatum nach 1547‹ beziehungsweise unter großem Vorbehalt ›nach 1451‹. In allen Fällen ist zu wenig von der Originalsubstanz erhalten, die Hölzer sind zu stark abgearbeitet.
Mit dem Radiokarbon-Datum aus Befund 9360 von 1451 bis 1621 und dem ›Fälldatum nach 1547‹ aus Befund 3605 konnte die Zeitspanne jedoch ein wenig eingegrenzt werden – somit ist es durchaus wahrscheinlich, dass beide Räder bei der Schlacht in Lützen im Einsatz waren. Insofern bleibt zu hoffen, dass künftige Untersuchungen hier ein genaueres Ergebnis liefern können.
Ob die beiden Speichenräder von derselben Feldlafette stammen, müssen ebenfalls weiterführende Untersuchungen erweisen, allerdings deutet die Holzartbestimmung darauf hin: beide Felgen sind aus Buche gefertigt, für die Speichen beider Räder wurde Eiche verwendet.
Text: Andrea Moser
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta
Danksagung
Für die tatkräftige Unterstützung zum einen bei der Bergung, zum anderen bei den wissenschaftlichen Aufarbeitungen und Untersuchungen danke ich sehr Susanne Baumgart (M.A.), Heiko Breuer (Restaurator), Monika Hellmund (Botanikerin), Maren Fischer-Kalkofen, Sven Kanigs, Jens Laise, Ralf Ronneburg und Marion Sailer.
Literatur
T. Schönauer, Die Militärtaktik im Dreissigjährigen Krieg. In: S. Eickhoff/ F. Schopper (Hrsg.), 1636. Ihre letzte Schlacht. Leben im Dreißigjährigen Krieg. Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Brandenburgisches Landesmuseum, Berlin, 2012, 70—76.
















