Spuren von Repression und Zwangsarbeit – Minimalinvasive Forschungsgrabung im Bereich eines ehemaligen Konzentrations-Außenlagers und weiterer Zwangsarbeitslager bei Genthin
7. Mai 2026
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Nahe Genthin finden sich an nur einem Ort Belege für verschiedene Formen von Zwangsarbeit und Internierungslagern im Zusammenhang mit der Munitionsproduktion während des Zweiten Weltkriegs. Um die Silva-Metallwerke herum entstand hier ab 1940 eine ganze Lagerlandschaft, in der 1945 mehrere tausend Personen, darunter vor allem Frauen, unter schlimmsten Bedingungen interniert waren und in der Fabrik zu schweren und gefährlichen Arbeiten in der Munitionsproduktion gezwungen wurden. Im Rahmen einer gezielten Forschungsgrabung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt konnten im März 2026 an vier Barackenstandorten Einblicke in die Baustruktur der Lagerareale gewonnen und zahlreiche Spuren des Häftlingslebens und –alltags gesichert werden.
Die Archäologie erforscht längst nicht mehr nur die weit zurückliegende Vergangenheit. Vielmehr betrachtet sie als Archäologie der Moderne auch Fundplätze, die bis in die jüngste Vergangenheit reichen. Dabei kann sie Aspekte und Zusammenhänge beleuchten, die durch historische Schrift- und Bildquellen nicht oder nur unzureichend dokumentiert wurden. Überlieferungslücken finden sich oftmals im Zusammenhang mit dem alltäglichen Leben und den Schicksalen von Menschen, insbesondere auch von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie KZ-Häftlingen. Für die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs gewinnt die Archäologie insbesondere an Bedeutung, da heute nur noch wenige Zeitzeugen vom Erlebten berichten können.
Nördlich von Genthin befand sich zwischen 1935 und 1945 eine Munitionsfabrik, die Silva-Metallwerke. In dieser wurden seit Beginn des Zweiten Weltkriegs zunehmend Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt. Für die Unterbringung von dienstverpflichteten Frauen wurde 1940 zunächst ein sogenanntes Bereitschaftslager errichtet, in welchem später auch zwangsverpflichtete Frauen aus verschiedenen Nationen untergebracht wurden. Schriftlich belegt ist zudem die Existenz mindestens eines Kriegsgefangenenlagers sowie eines Lagers für männliche Zwangsarbeiter. Im Sommer 1943 wurde ein Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück errichtet. Die Lagerlandschaft um die Fabrik wuchs zwischen 1940 und der Befreiung im Mai 1945 stetig an und wurde in ihrer inneren Struktur mehrfach verändert. Zuletzt waren mehrere tausend Personen, darunter vor allem Frauen, unter schlimmsten Bedingungen interniert und wurden in der Fabrik zu schweren und gefährlichen Arbeiten in der Munitionsproduktion gezwungen.
Im Rahmen einer einwöchigen Grabungskampagne wurden an vier Barackenstandorten kleinräumige, nur gering in den Boden eingreifende Untersuchungen durchgeführt. Über diese kleinen Sichtfelder ergaben sich interessante Aufschlüsse über die bauliche Konstruktion und die Bauausfertigung der Baracken innerhalb des gesamten Lagerbereichs. Darüber hinaus konnte das geborgene Fundmaterial, darunter Alltagsobjekte wie Geschirr und Flaschen, aber auch persönliche Habseligkeiten, zahlreiche Hinweise auf die dort lebenden und inhaftierten Personen und deren Lebensumstände geben. Am Standort einer Baracke ergaben sich anhand der Fundobjekte zudem Hinweise darauf, dass dort eventuell eher die Bewacherinnen und nicht Gefangene untergebracht waren.
Das Gelände wird bereits seit vielen Jahren durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums Jerichower Land in Genthin und Ehrenamtliche des Fördervereins Genthiner Stadtgeschichte e.V. untersucht und vor Ort eine lokale Gedenk- und Erinnerungskultur gepflegt. Die Ergebnisse des aktuellen Forschungsprojektes und der Grabungskampagne sollen perspektivisch vor Ort präsentiert werden.
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