Otto der Große und die Ära der Ottonen (919 bis 1024). Archäologische Forschungen zum Frühmittelalter in Sachsen-Anhalt
Projektbeschreibung
Die Ottonen waren eine Herrscherfamilie, die von 919 bis 1024 als ostfränkische Könige und – ab 962 – auch als Kaiser des erneuerten Römischen Reichs maßgeblich die Geschicke großer Teile Europas prägten. Da das Geschlecht aus dem Harzraum stammte, hier über viel Besitz und gute Kontakte im sächsischen Hochadel verfügte, spielten die Landschaften um das Gebirge eine große Rolle in der Herrschaftsorganisation des Ottonenreichs. Das gilt besonders für das Gebiet des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Hier befanden sich zahlreiche Königshöfe und Pfalzen, die den durchs Land reisenden Herrschern als Stützpunkte dienten, aber auch wichtige wirtschaftliche Zentralorte, Klöster und Burgen. Die Herrscher förderten durch vielfältige Maßnahmen die religiöse, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in dieser Region in hohem Maße.
Während der Herrschaft der Ottonen entstanden viele neue geistliche Institutionen, die teilweise direkt von ihnen gestiftet und unterstützt wurden. Exemplarisch seien das Erzbistum Magdeburg, das Kloster Memleben und das Stift Quedlinburg genannt. Damit kam es zur weiteren Festigung des Christentums. Der Glaube im gesamten Reich trug langfristig einen wichtigen Teil zur Ausbildung einer gemeinsamen Identität der Bewohner des heutigen deutschen Gebiets (und darüber hinaus) bei. Das Denken und Handeln der Ottonen war dabei allerdings nicht von ›nationalen‹ Überlegungen geprägt. Sie herrschten nicht über ein deutsches Reich, sondern über Sachsen, Franken, Schwaben und Bayern, die sich nicht als Teile eines zusammengehörigen ›Volkes‹ verstanden. Erst langsam wuchs ein Gefühl der Zusammengehörigkeit im Zuge komplexer kultureller, politischer und religiöser Prozesse. Diese Entwicklung nahm unter König Heinrich I. (gestorben 936) und Kaiser Otto dem Großen (912 bis 973) Fahrt auf, war aber keineswegs Ziel ihrer Politik oder fand hier ihren Abschluss. Auch regierten die Ottonen nicht als autokratische Herrscher, sondern waren auf den Konsens mit verschiedenen Führungsschichten und sozialen Gruppen angewiesen. Die Handlungsfähigkeit der Herrscher beruhte auf ihrer Fähigkeit, mit den weltlichen und geistlichen Autoritäten zu interagieren, Lösungen und Wege zu finden, die von allen Beteiligten getragen werden konnten.
Die Ära der Ottonen war eine vielfach noch schriftlose Zeit und so findet sich für das 10. Jahrhundert der Begriff des Saeculum Obscurum. In dieses vermeintlich ›dunkle Jahrhundert‹ kann die Archäologie mit der ihr eigenen Fähigkeit zur Erschließung neuer Quellen bei der Entdeckung von Funden und Befunden im Zuge von Untersuchungen und Ausgrabungen Licht in eine an und für sich ausgesprochen farbenprächtige Epoche bringen.
Als zentrale, wirkmächtige historische Persönlichkeit erscheint Otto der Große. Seit Januar 2025 ist das Grabmal des Kaisers im Magdeburger Dom Gegenstand umfangreicher Untersuchungen. Wie sich bei einem durchgeführten Monitoring erwies, waren Maßnahmen zur Erhaltung des Grabmals dringend notwendig. Dabei zeigten sich erhebliche Schäden am Sarkophag und dessen Inhalt. Die Konservierungsmaßnahme wurde aus einer baulichen Notwendigkeit heraus initiiert, doch ergeben sich mit ihr zahlreiche Facetten der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Grabmal, seinem Inhalt und der Person Ottos. Hier greifen die im Denkmalschutzgesetz des Landes Sachsen-Anhalt verankerten Aufgaben der Bewahrung, Dokumentation und Erforschung von Kulturdenkmalen durch das Denkmalfachamt – dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – ineinander.
Ziel des Schwerpunktprogramms ist es, die Person Ottos des Großen sowie die Schauplätze und Geschehnisse der Ottonenzeit in archäologischen Zeugnissen greifbar werden zu lassen. Zum einen kommen bioarchäologische Ansätze zum Tragen, die die Menschen, ihre Ernährung, Krankheiten, Herkunft, Mobilität und Verwandtschaftsverhältnisse in den Vordergrund rücken. Zum anderen werden archäologische Fundplätze und Fundstücke von hoher kulturhistorischer Bedeutung, an denen Sachsen-Anhalt außergewöhnlich reich ist, unter Hinzuziehung modernster naturwissenschaftlicher Methoden erforscht, um Kenntnisse über die Schauplätze bedeutender Ereignisse jener Epoche, über Datierung, Nutzung, Gestalt und Bauweise von Pfalzen, Klöstern, Kirchen und Burgen zu erhalten. Einen Fokus bilden dabei Einrichtungen geistlicher Institutionen. Zu nennen sind das Marienstift von Walbeck an der Aller, das Stift St. Servatii in Quedlinburg, das Kloster in Memleben sowie der Bischofssitz auf dem Posaer Burgberg in Zeitz. Diese trugen zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung der Region zu einer Zentrallandschaft des ottonischen Reiches bei.
Allmählich entwickelten sich urbane Zentren mit einer größeren Bewohnerzahl. Dabei kam es zu verstärktem Handel und dem Entstehen von Handwerk, Gewerbe und Markttreiben. Die Struktur und Entwicklung umfangreicher frühstädtischer Siedlungen lassen sich in Landsberg und der ›Alten Stadt‹ bei Nebra erforschen. In Magdeburg ist mit bislang kaum beachtetem, hochwertigem, archäometallurgisch zu analysierendem Buntmetallguss zu rechnen.
Burgen bilden die Basis der Herrschaft – Kaiser und Könige, der Hochadel und weitere Eliten ließen Burgen als Residenzen, als administrative und militärische Stützpunkte, als Instrumente kriegerisch durchgesetzter Machtinteressen errichten. Wichtige, exemplarisch zu untersuchende Burgen sind unter anderem mit den Anlagen auf dem Spielberg und in Landsberg, in Wendelstein, Benzingerode sowie Wettaburg vertreten.
Einige der Orte waren Pfalzen, das heißt herausragende Aufenthaltsorte der reisenden Herrscher und ihres Gefolges. Sie sind insbesondere durch Palastbauten mit Pfalzkapellen charakterisiert, die in verdichtete Siedlungsräume eingebettet waren, die als ökonomisches Hinterland mit Dienstsiedlungen den Betrieb und die Versorgung der Königshöfe sicherstellten. Vor knapp einhundert Jahren etablierte sich als ein Alleinstellungsmerkmal die interdisziplinäre Pfalzenforschung in der institutionellen Archäologie unserer Region. Die innere Struktur einer Pfalzanlage kann anhand großflächiger Ausgrabungen in der Pfalz Helfta studiert werden. Europaweit einmalig ist die archäologische und geophysikalische Untersuchung einer kompletten Mikroregion, die die Pfalz Memleben und ihr Umland zum Gegenstand hat. Ein besonderer Stellenwert kommt hierbei der Unstrut als Wirtschafts- und Kommunikationsweg zu. Es ist geplant, auch mittels unterwasserarchäologischer Methoden, die Brücken, Anlegestellen und Ufermärkte entlang des Flusses an der Pfalz und etwa auch an der sicher in Verbindung stehenden ›Alten Stadt‹ Nebra zu erfassen.
Die archäologischen Forschungen liefern Einsichten in die wirtschaftlichen, kirchlichen und herrschaftlichen Strukturen sowie allgemein in die damaligen Lebensverhältnisse. Sie tragen maßgeblich zum Verständnis der Organisation des ottonischen Zentralraums bei, den das heutige Sachsen-Anhalt damals darstellte.
Teilprojekte
Erforschung der Grablege Ottos des Großen im Magdeburger Dom
Bioarchäologie der Ottonenzeit
Ottonenzeitliche Kleinfunde
Vom Monumentalbau zum Gießereizentrum. Auswertung der ›Nickel-Grabungen‹ auf dem Magdeburger Domplatz
Memleben – Pfalz, Kloster, ottonisches Herrschaftszentrum und Sterbeort Heinrichs I. und Ottos des Großen
Walbeck an der Aller – Forschungsgrabungen an der ottonenzeitlichen Stiftskirche
Die Stiftskirche St. Servatii zu Quedlinburg. Archäologie eines Frauenortes
Posa bei Zeitz. Erforschung eines frühmittelalterlichen Bischofssitzes und Zentralorts
Die ›alte Stadt‹ Nebra. Frühurbane Strukturen an der Unstrut
Säulen der Herrschaftslandschaft: Burgen der Ottonenzeit
Die ottonische Königspfalz Helfta
Unterwasserarchäologische Untersuchungen im Kontext der Ottonen
Gesamtprojektleitung und Kontakt
Prof. Dr. Harald Meller
Landesarchäologe und Direktor
+49 345 5247-311 (Sekretariat)
sekretariat@lda.stk.sachsen-anhalt.de
Forschungspartner
Claudia Böttcher, Diplom-Restauratorin (Magdeburg)
Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH (Mannheim)
Dr. Daniel Berger
Dr. Ronny Friedrich
Dr. Corina Knipper
DeltaSigma Analytics GmbH (Magdeburg)
Dr. Sebastian Dieck
Departement Umweltwissenschaften, Universität Basel
Christine Pümpin
EvoLogics GmbH (Berlin)
Thomas Tietz
Lukas Fischer, Archäologische Rekonstruktionen und 3D-Visualisierungen (Köln)
Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF (Magdeburg)
Dipl.-Ing. Erik Trostmann
Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung, Institutsteil für angewandte Systemtechnik IOSB-AST (Ilmenau)
Prof. Dr.-Ing. Thomas Rauschenbach
Philippe Froesch, Visualforensic/TheLivingFace (Frankreich)
GEO-DV GmbH
Gert Babin
Dr. Karl-Uwe Heußner, Dendrochronologe (Petershagen)
Institut für Archäologische Wissenschaften, Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr. Vilma Ruppiené
Institut für Diagnostik und Konservierung an Denkmalen in Sachsen und Sachsen-Anhalt e. V. (Dresden und Halle [Saale])
Dipl.-Min. Matthias Zötzl
Institut für Geschichte, Universität Klagenfurt
Prof. Dr. Thomas Wozniak
Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Halle (Saale) / Medizinische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Prof. Dr. Rüdiger Lessig
Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft, Technische Hochschule Köln
Prof. Dr. Nicole Reifarth
Institut für Sportwissenschaft, Universität Hildesheim
Prof. Dr. Stefan Flohr
Katedra Antropologii, Uniwersytet Przyrodniczy we Wrocławiu
Dr. Anna Wierzgoń
Kulturstiftung Sachsen-Anhalt (Leitzkau und Halle [Saale])
Dr. Michael Belitz
Jan Matthies
Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt (Halle [Saale])
Dr. Alexander Malz
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (Leipzig)
Dr. Harald Ringbauer
MIDIC® GmbH Mitteldeutsche Ingenieurconsult (Halle [Saale])
Thomas John
Österreichisches Archäologisches Institut, Österreichische Akademie der Wissenschaften (Wien)
Prof. Dr. Walter Prochaska
Referat für Naturwissenschaften der Wissenschaftlichen Abteilung der Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts (Berlin)
PD Dr. Ingo Heinrich
Alexander Müller
Dr. Tilo Schöfbeck, Bauforschung/Archäologie/Dendrochronologie (Schwerin)
Dr. Barbara Teßmann, Anthropologie (Berlin)
Universitätsklinik und Poliklinik für Radiologie, Universitätsklinikum Halle (Saale) / Medizinische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Prof. Dr. Dr. Walter A. Wohlgemuth, Universitätsmedizin Halle (Saale)
Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin, Universitätsklinikum Magdeburg / Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
Dr. Mathias Becker
PD Dr. Oliver Großer
Universitätsklinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie, Universitätsklinikum Halle (Saale) / Medizinische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Prof. Dr. Dr. Frank Tavassol, Universitätsmedizin Halle (Saale)
Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
PD Dr. Hendrik Müller
Dr. Frank Steinheimer
Zentrum für Experimentelle Orthopädie und Arthroseforschung, Universitätsklinik des Saarlandes / Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes (Homburg)
Prof. Dr. Henning Madry


