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Eine mittelalterliche Wüstung ›Am Frevelgraben‹ – Ergebnisse aktueller archäologischer Ausgrabungen im Industriegebiet ›Ost‹ in Halberstadt

24. August 2026

Die folgende Presseinformation ist auch als PDF [0,3 MB, nicht barrierefrei] zum Herunterladen erhältlich.

Im Zusammenhang mit der weiteren Erschließung des Industriegebiets ›Ost‹ in Halberstadt finden in enger Abstimmung mit der Stadt Halberstadt im Bereich ›Am Frevelgraben‹ derzeit archäologische Ausgrabungen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt statt. Das Hauptaugenmerk der Untersuchung liegt auf einer herausragenden mittelalterlichen Wüstung, die bereits zahlreiche aufschlussreiche Befunde erbrachte.

Neue Erkenntnis am Frevelgraben

Östlich von Halberstadt, in Höhe der Gessnerstraße, liegt nördlich des heute begradigten Frevelgrabens ein archäologisch hochbedeutendes Areal. Menschen siedelten hier über Jahrhunderte und bestatteten ihre Toten. Im Vorfeld der Erschließung von Flächen für das Industriegebiet ›Ost‹ in Halberstadt südlich des Frevelgrabens konnte durch geophysikalische Messungen eine mittelalterliche Siedlung identifiziert werden. Erkennbar waren Teile einer mehrgliedrigen grabenartigen Umfassung und zahlreiche archäologische Spuren im Innenbereich dieser Umfassung. Seit März dieses Jahres unternimmt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Ausgrabungen in diesem Bereich.

»Die archäologischen Funde am Frevelgraben geben uns einen faszinierenden Einblick in die Geschichte unserer Stadt und zeigen einmal mehr, wie viele Spuren vergangener Generationen sich noch heute im Halberstädter Boden finden. Gleichzeitig entwickeln wir mit der weiteren Erschließung des Industriegebietes ›Ost‹ einen wichtigen Wirtschaftsstandort für die Zukunft unserer Stadt. Umso wichtiger ist es, dass diese Entwicklung in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie erfolgt und wertvolle Zeugnisse unserer Geschichte fachgerecht untersucht, dokumentiert und für kommende Generationen bewahrt werden«, erklärt Oberbürgermeister Daniel Szarata.

Eine wachsende und sich entwickelnde Siedlung

»Die Untersuchungen bestätigten die Vermutung, es handle sich bei dem nun näher untersuchten Areal um eine sogenannte Ortswüstung, also eine mittelalterliche Siedlung, die im Laufe der Zeit von der Bevölkerung verlassen wurde«, erläutert Susanne Friederich, Abteilungsleiterin ›Überregionale Bodendenkmalpflege‹ im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. »Von besonderem wissenschaftlichen Interesse ist die deutlich nachvollziehbare Parzelleneinteilung der Siedlung. Sie wird uns umfangreiche Einblicke in das Leben der ehemaligen Bewohner erlauben.« Es konnten zahlreiche in Reihe liegende Grubenhäuser mit dazugehörigen Siedlungsgruben und zwei Brunnen dokumentiert werden. Nördlich der Anlage in Richtung des Grabens sind keine Hausstandorte vorhanden, allerdings lassen Grubenbefunde und Kulturschichten vermuten, dass auch der Uferbereich von der siedelnden Bevölkerung intensiv genutzt wurde.

Anhand von Überschneidungen der Befunde im Boden und unmittelbar nebeneinander angelegten Grubenhäusern ist eine Zweiphasigkeit der Siedlung gesichert. Über die Zeit verlagerte sich der Ort aufgrund der Neuerrichtung von Häusern wohl etwas. Die genaue Dokumentation der Grabenstrukturen im Innen- und Außenbereich der Wüstung zeigt zudem, dass ständige Änderungen und Erweiterungen des Areals erfolgten.

Auffallend bleibt, dass trotz der hervorragenden und dichten Befunderhaltung ausgesprochen wenige Funde überliefert sind. Während mittelalterliche Wüstungen normalerweise reichhaltiges Fundmaterial aufweisen, wurde die Anlage ›Am Frevelgraben‹ überaus geordnet aufgelassen. Vereinzelte Keramikscherben sowie wenige Metallfunde, darunter zum Beispiel ein bronzener Zapfhahn, Beschläge und Gürtelschließen, stellen sicherlich nur einen Bruchteil des einstigen Besitzes der Bewohnerinnen und Bewohner dar.

Ein rätselhaftes Ende

Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit kann anhand von historischen Karten der Name der Ortswüstung identifiziert werden. Die sogenannten Wüstungskarten aus der Zeit um 1900 vermerken gut einen Kilometer westlich des Wüstungsstandorts eine Ortswüstung namens ›Kühlingen‹. Auf historischen Messtischblättern der Jahre 1872 bis 1943 ist unmittelbar nördlich der Grabungsfläche die Bezeichnung ›Kühlingen‹ eingetragen, sodass davon auszugehen ist, dass es sich bei den ausgegrabenen Befunden und Funden tatsächlich um die Überreste dieser mittelalterlichen Ortschaft handelt.

Der Grund für das Auflassen der Siedlung bleibt zum jetzigen Zeitpunkt rätselhaft. Eine Zerstörungsschicht ist nicht nachweisbar, auch von Bränden blieb der Ort verschont. Eine genaue Datierung für das Ende der Siedlung sollen Radiokarbon-Analysen ausgewählter Knochen von Tierskeletten ergeben. Die Ausgrabungen dauern noch bis Mitte Dezember an.

Kontakte

Dr. Oliver Dietrich | Dr. Tomoko Emmerling
Öffentlichkeitsarbeit
+49 345 5247-334 | -384
oeffentlichkeitsarbeit@lda.stk.sachsen-anhalt.de

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