Wiederentdeckung eines Luftschutz-Deckungsgrabens aus dem Zweiten Weltkrieg in Quedlinburg
28. Juli 2026
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Die Archäologie erforscht längst nicht mehr nur die weit zurückliegende Vergangenheit. Als Archäologie der Moderne betrachtet sie Fundplätze, die in die jüngste Vergangenheit führen und oftmals ein unmittelbares Bild vom Alltag vermitteln, das über Schriftquellen kaum greifbar ist. So ist es auch im Falle einer Luftschutzanlage aus dem Zweiten Weltkrieg, die unerwartet im Vorfeld der Errichtung eines Einfamilienhauses in Quedlinburg zutage kam und durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt dokumentiert werden konnte.
Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs waren auch Gebiete weit im Innern des von den Nationalsozialisten regierten Deutschen Reichs immer stärker von Luftangriffen betroffen. Dem begegnete man zum einen mit der Verlagerung der Rüstungsproduktion unter Tage (siehe die Pressemitteilung vom 8. Januar 2026), zum anderen mit der Errichtung von Schutzbauten. Neben ›echten‹ Luftschutzbunkern existierte auch eine Reihe teils improvisierter Bautypen, die einen eher begrenzten Schutz boten.
Im Vorfeld der Errichtung eines Einfamilienhauses in Quedlinburg kam vor kurzem unerwartet eine solche unterirdische Luftschutzanlage des Zweiten Weltkriegs zutage. Das massive Bauwerk liegt an der Kante eines Bergsporns mit weit reichendem Blick in das sich unmittelbar westlich anschließende Bodetal und die ungefähr 600 Meter entfernt gelegene Altstadt.
Nach Beginn der Erdarbeiten auf dem Grundstück zeigte sich zunächst die Abdeckung eines rund 2,50 Meter breiten Betongewölbes, welches nahezu das gesamte Baufeld von Südwest nach Nordost durchzog. Schnell wurde klar, dass es sich um einen ungefähr 20 Meter langen Deckungsgraben handelte. Solche gewölbeähnlichen Anlagen mit darüber liegenden Schutzschichten aus Erde dienten im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbauwerke zur Sicherung vor Beschuss, Trümmern oder auch Splittern. Im Gegensatz zu regulären Luftschutzbunkern boten sie bei direkten Bombentreffern jedoch keinen Schutz.
Der aktuell durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt untersuchte Deckungsgraben nimmt zusammen mit zwei unterschiedlich langen Seitenarmen für die Ein- beziehungsweise Ausgänge eine Fläche von rund 20 mal 14 Metern ein. Er wurde mit Hilfe von Stampfbeton ohne Stahlarmierung abschnittsweise errichtet. Nach Aushub der Baugrube entstanden zunächst der Fußboden und die jeweils etwa 0,45 Meter breiten Seitenwände. Anschließend wurde die etwa 0,20 Meter dicke halbrunde Decke darüber geformt. An den Innenwänden der gesamten Anlage sind deutliche Abdrücke von Schalbrettern zu erkennen. An der Außenseite der Gewölbekappe hingegen wurde der Beton sauber abgestrichen und mit einem Schutzanstrich versehen. Fünf 0,25 mal 0,25 Meter große Öffnungen in der Decke sollten die Frischluftzufuhr von oben gewährleisten, während das Innere des Baus durch zwei schleusenartige, doppelte Türeinbauten abgeriegelt werden konnte.
Zu DDR-Zeiten wurde der Deckungsgraben über die teilweise zu diesem Zweck vergrößerten Lüftungsschächte unregelmäßig bis zu zwei Dritteln verfüllt und das Gelände mit einem Spielplatz überbaut. Die Anlage geriet in Vergessenheit.
Aufgrund der Teilverfüllung waren die Möglichkeiten zur Dokumentation des Innern der wohl etwa 2 Meter hohen Anlage eingeschränkt. Doch konnten unter anderem Eisenschellen von ehemals seitlich verlaufenden elektrischen Leitungen sowie ein Sicherungskasten einschließlich der Kabel geborgen werden. Überreste vermutlich ehemals vorhandener Möblierung (Bänke) waren nicht mehr nachweisbar. Ein blind endender Abschnitt im Nordosten kann anhand von Parallelen mit vergleichbaren Bauwerken als möglicher Platz eines Notaborts interpretiert werden. Außerdem dürfte die gesamte Anlage zu Nutzungszeiten mit Aufschüttungen überdeckt gewesen sein, aus der lediglich die mit Metallrohren versehenen Lüftungsschächte herausragten.
Der nunmehr dokumentierte Deckungsgraben ist ein weiteres Beispiel für die Organisation von Luftschutzmaßnahmen im Zweiten Weltkrieg. Er verdeutlicht jedoch auch ganz unmittelbar die Schrecken des Krieges. Aus heutiger Sicht ist es schwer nachzuvollziehen, wie sich Menschen bei realen Bedrohungssituationen in einem solchen Deckungsgraben gefühlt haben müssen. Einerseits hatten sie eingepfercht zumindest etwas Schutz, andererseits waren sie Bombentreffern schutzlos ausgeliefert. Die Luftschutzanlage führt uns mahnend vor Augen, wie wertvoll friedvolle Zeiten sind und wie wichtig es ist, diese zu bewahren.
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