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Außergewöhnliche Tierknochenfunde aus einer stichbandkeramischen Grube bei Alsleben

Mai 2026

Für die Gleichstromtrasse SüdOstLink soll die Saale bei Alsleben, Salzlandkreis, mit Hilfe eines geschlossenen Verfahrens unterquert werden. Die Startgrube erforderte für diese Querung des heute circa 60 Meter breiten und circa 15 Meter tiefer im Tal gelegenen Flusses eine Aufweitung von 100 Meter Breite. Mit gut über 900 archäologisch relevanten Befunden deutet die exponierte Lage der zwei Hektar großen Fundstelle oberhalb des Saaletals auf einen beliebten Siedlungsplatz während des Neolithikums sowie auch während der Bronze- und Eisenzeit hin.

Neben der Vielzahl an Grablegen, Pfostengruben, Vorratsgruben und Schlitzgruben fiel insbesondere die im Durchmesser circa 80 Zentimeter messende Grube 4015 auf (Abbildung 1). Die Verfüllung bestand aus dicht an dicht liegenden Tierknochen mit kaum vorhandenem, dazwischen liegendem Sediment. Auffallend an den gefundenen Skeletten sind vor allem die großen Schneidezähne mit der charakteristischen orange- bis rötlich-braunen Färbung (Abbildung 2).

Handelte es sich bei diesen Tieren um Biber (Castor fiber) oder um Nutria (Myocastor coypus)? Letztere wurden erst 1926 für die Pelztierzucht aus Südamerika nach Deutschland eingeführt und würden somit auf eine rezente Zeitstellung der Grube hindeuten können– doch diese scheint älter zu sein. Darauf deuten nach der Erstansprache die schwach abgrenzbaren Konturlinien des Befundes hin, welche teilweise fließend in den anstehenden Boden übergehen. Zudem lagen zum Untersuchungszeitpunkt keine Hinweise auf eine Nutzung der untersuchten Fläche nach der Eisenzeit vor.

Noch im Gelände wurden die obersten fünf Zentimeter des Befundes für die zoologische Bestimmung vor Ort freipräpariert, wobei ein klingenförmiger Abschlag im ungestörten Befundzusammenhang entdeckt wurde (Abbildung 3).

Die zoologische Analyse zeigte, dass die gefundenen Skelettreste dem europäischen Biber zuzuordnen sind.

Im Zusammenhang mit dem Aussehen der Grube und dem Feuersteinartefakt handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar um möglicherweise jungsteinzeitlich Exemplare. Diese Theorie wurde mittels Radiokarbonmethode überprüft. Die absolut chronologische Einordnung erfolgte mittels der Probe MAMS-77657, deren Kollagengehalt drei Prozent betrug. Mit einem ermittelten Datum von cal BC 4935 bis 4787 datiert dieser Befund mit 95-prozentiger Sicherheit in die frühe Stichbandkeramik.

Die nachstehende Analyse und die dazugehörigen Überlegungen fußen auf dem bis zu fünf Zentimeter abgetieftem Planum und den entnommenen und freigelegten 409 Knochen. Der weitere Befund wurde im Block geborgen, um seine weitere Bearbeitung unter Laborbedingungen fortführen zu können.

Die Knochenpackung, die in der Grube freigelegt wurde, besteht augenscheinlich nur aus den Überresten von Bibern. Bisher konnten keine anderen Tierarten im Material festgestellt werden. Die Knochen sind ausgesprochen gut erhalten und mehrheitlich unfragmentiert. Anhand der bereits freigelegten Schädel ist davon auszugehen, dass in der Grube die Reste von mindestens zwölf Individuen entsorgt wurden. Dabei handelt es sich nicht um vollständige Kadaver, die nach der Tötung der Tiere in die Grube gelegt wurden, sondern nur um die Überreste bereits skelettierter Tierkörper. Dies zeigt sich am Fehlen von Knochen im anatomischen Verband und an der Durchmischung der Elemente innerhalb der Grube. So liegen beispielsweise die Unterkiefer nicht bei den Oberschädeln und vollständige Extremitäten fehlen. Von der Wirbelsäule sind lediglich kleinere zusammenhängende Abschnitte zu erkennen. Alle Skelettelemente vom Schädel bis zum kleinen Zehenknochen sind vorhanden, so dass es keine Hinweise auf eine Selektion und ein damit verbundenes Nutzungskonzept gibt. Verschiedene Altersklassen von recht jungen (1. Lebensjahr) bis zu alten Tieren (über acht Jahre) lassen sich an den Knochen belegen. Das Alter der Tiere scheint demzufolge bei der Biberjagd keine ausschlaggebende Rolle gespielt zu haben. Spuren, die Hinweise auf die Nutzung der Biber geben könnten, sind lediglich an einigen wenigen Knochen in Form von feinen Schnittspuren zu beobachten. Ein feiner Sinterschleier, der die meisten Knochen aus dieser Grube überzieht, erschwert jedoch ein Erkennen solcher anthropogenen Manipulationen. Die wenigen Spuren sind unspezifisch und geben keine Informationen zur Verwertung der Biber.

Biberknochen sind im Knochenmaterial neolithischer wie auch jüngerer Fundplätze keine Seltenheit. Es handelt sich jedoch meist um kleinere Fundmengen. Besonders viele Biberknochen sind bislang in Deutschland von den neolithischen Fundplätzen Hüde I, Landkreis Diepholz (n= 1135, Hübner et al. 1988) in Niedersachsen, Heidmoor, Kreis Segeberg (n= 579, Ewersen 2007) wie auch Wolkenwehe, Kreis Stormarn (n= 459, Lüttschwager 1967) – beide in Schleswig-Holstein gelegen – bekannt. All diesen Fundplätzen ist ihre Lage an Seeufern, dem Biotop in dem der Biber heimisch ist, gemein. In Alsleben dürfte die Jagd auf Biber an der Saale möglich gewesen sein. Während die Biberknochen in den genannten Siedlungen aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen meist verstreut über die gesamte Untersuchungsfläche gefunden wurden, spricht die Konzentration auf einen einzigen Befund, wie in Alsleben, für ein einmaliges Ereignis – eine erste Durchsicht des übrigen Tierknochenmaterials ergab keine weiteren Biberknochen im Bereich dieser Fundstelle. Die Unversehrtheit des Alslebener Materials setzt den Befund ebenfalls von den übrigen Fundkomplexen ab, bei denen die Knochen, insbesondere die Schädel, stark fragmentiert sind. 

Das Vorkommen von Biberknochen in Fundkomplexen unterschiedlicher Zeitstellung verdeutlicht, dass diese Tierart zu allen Zeiten gejagt wurde. Die Absichten, die hinter der Tötung von Bibern stehen, können für prähistorische Zeiten nur indirekt erschlossen werden. Aus antiken und mittelalterlichen Quellen ist hingegen eine vielfältige Nutzung dieser Tierart bekannt. Zu nennen ist hier zunächst der Pelz, der wegen seiner sehr guten Qualität nicht nur in jüngeren, sondern sicherlich auch in prähistorischen Zeiten sehr geschätzt wurde. Es ist auch davon auszugehen, dass das Fleisch, die Leber und der Schwanz der Biber gegessen wurden. Ob das Sekret, das sogenannte Castoreum oder Bibergeil, bereits schon im Neolithikum verwendet wurde, lässt sich nur schwer ermitteln. Es wird sowohl vom weiblichen wie auch vom männlichen Biber in den sogenannten Castorbeuteln (Praeputialdrüsen) gebildet und dient ihnen als Reviermakierung, als Kommunikationsmittel und als Orientierungshilfe. Schon seit der Antike wurde das Castoreum als vielseitiges Arzneimittel sehr geschätzt und ist erst ab dem 20. Jahrhundert aus den hiesigen Arzneibüchern verschwunden (Djoshkin u. Safonow 1972, 126). Wenngleich die beschriebenen Wirkungen bei vielen Krankheiten aus heutiger Sicht jeglicher medizinischer Grundlagen entbehren und dem Aberglauben zuzuschreiben sind, zeigen doch chemische Analysen, dass im Castoreum Salizylsäure enthalten ist, die Hauptkomponente unseres heutigen Aspirins (Mertin 2003, 49). Möglicherweise liegt in seiner schmerzlindernden und fiebersenkenden Eigenschaft der Ursprung für den Gebrauch in der Volksmedizin. Da man fälschlicherweise glaubte, dass das Bibergeil in den Hoden gebildet wurde, lag natürlich auch sein Gebrauch als Aphrodisiakum nahe. Zudem wird Bibergeil bis heute in der Parfümindustrie verwendet. Und möglicherweise diente es bereits in der Steinzeit bei der Jagd als Lockmittel für Raubtiere und für den Biber selbst. Mittelalterlichen Quellen ist zu entnehmen, dass das Castoreum ebenfalls in der Imkerei genutzt wurde, um die Bienen vor Wespen und anderen Hymenoptera-Räubern zu schützen (Mertin 2003, 50). 

Die Knochen selbst, besonders die großen Schneidezähne beziehungsweise der Unterkiefer, lassen sich als Werkzeuge gebrauchen, was bereits für das Neolithikum belegt ist. So geht Becker (Becker u. Johansson 1981,71) bei der Untersuchung der Tierknochenfunde der Uferseesiedlung von Twann in der Schweiz davon aus, dass der unnatürliche Abschliff der Zähne und der auffällige Glanz der gefundenen Biberunterkiefer auf eine Benutzung als Werkzeug zurückzuführen ist. 

Zusammenfassend lässt sich nach jetzigem Kenntnisstand der Grubeninhalt von Alsleben am ehesten als Überreste interpretieren, die bei der Pelzgewinnung angefallen sind. Die gehäuteten Tierkadaver wurden zwischengelagert, bis sie zerfallen waren. Die einzelnen Knochen wurden dann später in der aufgefundenen Grube entsorgt.


Text: Rebecca Wachsmuth, Carola Oelschlägel, Christian Lau, Melanie Weber-Walpulski, Johanna Kleinecke, Susanne Friederich
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

Literatur

C. Becker/F. Johansson, Tierknochen, 2. Bericht. Die neolithische Ufersiedlungen von Twann 11 (Bern 1981).

W. W. Djoshkin/W. G. Safonow, Die Biber der alten und neuen Welt. Die neue Brehm-Bücherei 437 (Wittenberg 1972).

J. Ewersen, Die Tierknochenfunde aus der neolithischen Siedlung Heidmoor, Kr. Segeberg. Untersuchungen und Materialien zur Steinzeit in Schleswig-Holstein 4 (Neumünster 2007).

K.-D. Hübner/R. Saur/H. Reichstein, Die Säugetierknochen der neolithischen Seeufersiedlung Hüde I am Dümmer/Ldk. Diepholz. Göttinger Schr. Vor- u. Frühgeschichte 23, 1988, 35—142. 

J. Lüttschwager, Kurzberichte über Tierfunde aus meso- und neolithischen Moorsiedlungen in Schleswig-Holstein. Schr. Naturwiss. Ver. Schleswig-Holstein 37, 1967, 53—64.

B. Mertin, Castoreum, das Aspirin des Mittelalters. Denisa 9, 2003, 47—51. 

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