Zwei deponierte Fohlen an einem Grabhügel der beginnenden Spätbronzezeit
August 2026
Das Pferd nimmt neben dem Hund eine besondere Stellung im Verhältnis des Menschen zu den Tieren ein. Es war nicht nur ein bedeutendes Nutztier, sondern besaß aufgrund der durch seinen Einsatz ermöglichten Mobilität einen herausragenden gesellschaftlichen Stellenwert. Seine Bedeutung ging damit weit über den rein wirtschaftlichen Nutzen hinaus und prägte zahlreiche Bereiche des menschlichen Lebens.
Der Ort und der Zeitpunkt der Domestikation des Pferdes sind in der Forschung bis heute Gegenstand kontroverser Diskussionen. Ungeachtet dieser Debatten kann jedoch davon ausgegangen werden, dass Hauspferde spätestens seit der Bronzezeit zum allgemeinen Viehbestand in Mitteleuropa und damit auch in unserem Untersuchungsgebiet gehörten. Weniger eindeutig ist die Frage nach ihrer Nutzung als Reittiere zu klären. Zwar liegen für Mitteleuropa Knebel als Zaumzeugbestandteile seit der Frühbronzezeit vor, Wittmann zufolge fehlen jedoch stichhaltige Hinweise auf das Reiten vor der späten Bronzezeit; möglicherweise setzte sich diese Nutzungsform sogar erst in der frühen Eisenzeit durch (Hütte 1981; Wittmann 2023).
Die Bedeutung des Pferdes wandelt sich immer mehr im Verlauf der Bronzezeit von der Nahrungsquelle hin zum Prestigegut und mythologisch aufgeladenen Wesen. Es verkörperte Wohlstand und hielt zugleich Einzug in Glaubensvorstellungen und Bestattungsbrauch. Hiervon zeugen etwa die Darstellungen in Felsbildern Skandinaviens, auf Keramikgefäßen und Bronzen sowie eine Vielzahl von Objekten, welche im Zusammenhang mit dem Aufzäumen und der aufwendigen Schirrung der Tiere stehen und die in Gräbern oder als Hortfund deponiert wurden (Abbildung 1). Die Befunde und Funde verdeutlichen die vielschichtige wirtschaftliche, symbolische und kultische Bedeutung des Pferdes und unterstreichen seine herausgehobene Stellung innerhalb der bronzezeitlichen Gesellschaften (Metzner-Nebelsick 2023).
Im Zuge der archäologischen Untersuchungen im Vorfeld der Verlegung der Gleichstromtrasse SuedOstLink konnten erneut Pferde im Zusammenhang mit spätbronzezeitlichen Bestattungen dokumentiert werden.
So wurde an der Fundstelle Nauendorf im nördlichen Saalekreis der Ausschnitt einer Siedlungslandschaft der späten Bronzezeit und Eisenzeit mit Bestattungsplatz, Hausstandorten, Speicher- und Ofengruben – durchzogen von einem System aus Landgräben und Grubenreihen – aufgedeckt (Abbildung 2).
Im Fokus soll hier der mutmaßlich älteste Befund der Fundstelle 15 stehen, die Reste eines Grabhügels der beginnenden Spätbronzezeit. Der Hügel selber zeigte sich im Vorfeld der Ausgrabung nicht mehr als Erhebung im sonst sehr flachen Gelände. Es war lediglich der ihn einst umgebende, kreisförmige Graben mit einer Erdbrücke im Osten übrig (Abbildung 3). Im Inneren wurden die Reste zweier geplünderter Gräber angetroffen, welche anhand des Grabritus und Grabbaus sowie eines Gefäßrests an den Beginn der Spätbronzezeit datiert werden konnten.
Es handelt sich um langrechteckige Steinpackungsgräber in West-Ost-Ausrichtung und mit Maßen von 3,7 mal 1,3 Meter im Zentrum und 2,6 mal 1,0 Meter südlich davon am Hügelrand. Von den Bestattungen selber blieb außer wenigen verlagerten Funden nichts zurück, zudem hatten Pflugaktivitäten der intensiven Landwirtschaft den steinernen Grabanlagen zugesetzt. Auch ließen sich im Bereich des Kopfes, des Bauchraumes und der Füße bei beiden Gräbern Fehlstellen und Verlagerungen in der ursprünglich schützenden Steinabdeckung feststellen. Dies sind sichere Indizien für eine antike Beraubung, die mit dem Wissen um die genaue Lage und Position der Bestattungen im Hügel stattgefunden haben muss (Abbildungen 4 und 5). Von einstigen Grabbeigaben waren lediglich Scherben eines verlagerten Gefäßes und Fragmente von Bronzenadeln sowie ein bronzenes Ringlein im Bereich der Raubschächte zurückgeblieben, die Funde waren zwischen die Steine des Grabbaus gerutscht (Abbildungen 6 und 7).
Umso bemerkenswerter erschien der Inhalt einer nachträglich im Südosten des Kreisgrabens angelegten Grube. Nicht selten werden in den Kreisgräben Nachbestattungen festgestellt. In Nauendorf wurde hierfür eine tiefere Grube im Grabenbereich angelegt.
Entgegen der Erwartung stieß man jedoch auf das Skelett eines Pferdes anstatt auf die Bestattung eines Menschen (Abbildung 8). Zudem blieb es nicht bei diesem einen Exemplar, so wurde im Zuge der Flächenerweiterung nur elf Meter weiter nordöstlich ein weiteres Tier ausgegraben (Abbildung 9). Dieses war ebenfalls auf der Seite liegend bestattet worden, jedoch in identischer Ausrichtung zu den beiden Steinpackungsgräbern im Grabhügelinneren - eine offensichtliche Bezugnahme (Abbildung 10).
Aus Sachsen-Anhalt sind bereits zahlreiche Befunde bekannt, die Pferde oder Pferdeteile als Bestandteile des Bestattungskultes belegen, darunter Fundorte wie Esperstedt (Landkreis Saalekreis), Burgsdorf (Landkreis Mansfeld-Südharz) und Großpaschleben (Landkreis Anhalt-Bitterfeld). Die Niederlegungen reichen von einzelnen Körperteilen bis hin zu isolierten Schädeln oder Kombinationen aus Schädeln und Metapodien. Vollständig deponierte Pferdekörper mit Gräberbezug stellen hingegen Ausnahmen dar. Sie sind vereinzelt aus der östlich benachbarten Lausitzer Kultur bekannt, so aus Prettin und Mescheide, beides Landkreis Wittenberg (Schunke/Schefzik 2023). Dort wurden die Tiere wohl im Zusammenhang mit Bestattungspraktiken ebenfalls verbrannt und ihr Leichenbrand im keramischen Behältnis auf dem Bestattungsplatz niedergelegt. Während einzelne Knochen und Skelettteile als symbolische Beigabe als ›pars pro toto‹ gesehen werden können, handelt es sich bei der Deponierung ganzer Tiere zweifellos um eine Besonderheit, welche auch die soziale Stellung der Personen in zugehörigen Bestattungen hervorhebt.
Die Funde von Naundorf unterscheiden sich jedoch in einem wesentlichen Aspekt von den bislang bekannten Pferdeniederlegungen dieser Zeitstellung: Es handelt sich um zwei Fohlen im Alter von etwa fünf bis neun Monaten. Beide Tiere wurden im Bereich eines Grabhügels niedergelegt. Während eines der Fohlen (Befund 6006) direkt im Kreisgraben des Hügels bestattet wurde, befand sich das zweite Tier (Befund 7017) in einiger Entfernung davon.
Aufgrund des geringen Alters der Tiere waren die Skelette nur unvollständig erhalten. Nachgewiesen werden konnten vor allem die Schädel sowie die Langknochen der Extremitäten, während andere Skelettteile entweder nicht mehr vorhanden waren oder sich aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes nicht bergen ließen. Die Anordnung der erhaltenen Knochen innerhalb der Gruben spricht jedoch dafür, dass ursprünglich vollständige Tierkörper niedergelegt worden waren (siehe Abbildungen 8 und 9). Beide Fohlen lagen auf ihrer rechten Körperseite, wobei die Extremitäten in natürlicher Weise angewinkelt waren. Besonders auffällig ist die Lage der hinteren Extremitäten des Tieres aus Befund 6006: Die Knochen liegen nahezu parallel zueinander, was als Hinweis auf eine mögliche Verschnürung des Körpers im Bereich der Hinterläufe interpretiert werden kann.
Zur zeitlichen Einordnung wurden beide Tiere mittels Radiokarbondatierung untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Niederlegung beider Fohlen in denselben Zeitraum fällt. Für das Tier aus Befund 6006 ergab sich ein kalibriertes Alter von 1212 bis 1055 vor Christus (Zwei-Sigma), für das Tier aus Befund 7017 ein Alter von 1211 bis 1052 vor Christus (Zwei-Sigma). Damit sind beide Befunde an den Beginn der Spätbronzezeit zu datieren und stellen einen bisher singulären Nachweis für die rituelle Niederlegung sehr junger Pferde in diesem Zeitraum dar. Die Tatsache, dass zwei Tiere in so jungem Alter geopfert und damit einer weiteren wirtschaftlichen Nutzung entzogen wurden, hebt den hohen Wert beziehungsweise die besondere Bedeutung dieser Bestattungen hervor.
Text: Carola Oelschlägel, Jonathan Schulz
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta
Literatur
S.-J. Wittmann, Archäologische Untersuchungen zum Pferd in der frühen und mittleren Bronzezeit Zentraleuropas. Freiburger Archäologische Studien 12 (Rahden/ Westf. 2023).
M. Schefzik/ T. Schunke, Ein Trensenknebelpaar aus einem Pferdegrab der Lausitzer Kultur bei Prettin, Lkr. Wittenberg - eine neue Variante mittel- bis jungbronzezeitlicher Pferdetrensen. Jahresschr. Mitteldt. Vorgesch. 99, 2023, 77‒128.
H.-G. Hütte, Bronzezeitliche Trensen in Mittel- und Osteuropa. PBF XVI, Bd. 2 (München 1981).
C. Metzner-Nebelsick, Pferde, Reiter und Streitwagenfahrer in der Bronzezeit Nordeuropas. Mitt. Berliner Ges. Anthr. 24, 2003, 69‒90.
H. Meller (Hrsg.), Glutgeboren. Mittelbronzezeit bis Eisenzeit. Begleithefte zur Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle Bd. 5 (Halle [Saale] 2015).









