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Der Burgwall ›Burgstadl‹ bei Plossig

Juli 2026

In einem Amt, das sich zugleich archäologischen, landesgeschichtlichen und denkmalpflegerischen Forschungen verpflichtet sieht, sind Synergieergebnisse quasi im Selbstverständnis angelegt und vorgesehen. Von einem sehr schönen Beispiel dafür soll im Folgenden berichtet werden.

Bei der Aufarbeitung der archäologischen Untersuchungen der vergangenen Jahre in Coswig ist zuletzt das ehemalige Kollegiatstift St. Marien am Rande der mittelalterlichen Altstadt von Coswig in den Blick geraten. Von besonderem Interesse ist dabei das im Landesarchiv von Sachsen-Anhalt unter der Nr. Z 6 Nr. 743 bewahrte mittelalterliche Kopialbuch des Kanonikerstiftes, in dem mittels mehrerer Urkunden die Rechte des Stiftes an diversen Dörfern und verschiedenen kirchlichen Einkünften verzeichnet sind. Bei den Überlegungen, welche Dörfer und sonstigen Liegenschaften wohl jeweils gemeint sein könnten, fiel insbesondere folgender Fund auf: In Urkunde 29 (verfasst 1313, publiziert im CDA III 275) wird das wüste Dorf Borchstadel, gelegen im Prettiner Bezirk (nicht Pratauer Bezirk, wie O. v. Heinemann irrtümlich schreibt), genannt (siehe 'Codex diplomaticus Anhaltinus. 3, 1301 - 1350', Bild 194 von 684 | MDZ abgerufen am 21.05.2026) (Abbildung 1). Abt und Convent des Zisterzienserkloster Zinna verkaufen dieses Dorf mit Ausnahme einer Hufe Landes zu Lubyn an das Kollegiatstift zu Coswig. Nach Bürger/Wentz 1941 handelt es sich hierbei um Plossig, einem heutigen Ortsteil von Annaburg im Landkreis Wittenberg. Genaueres wusste man dann aber nicht.

An dieser Stelle kommt nunmehr die Ortskenntnis des für den Landkreis Wittenberg zuständigen Archäologen ins Spiel. Wichtige Unterlage für seine Arbeit im Hinblick auf archäologische Fragestellungen im Sachgebiet sind die im Archiv des Landesamtes aufbewahrten historischen Messtischblätter der historischen Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt (historisches MBl), in denen seinerzeit bei der historischen Landesaufnahme alle relevanten Geländestrukturen und historischen Bezeichnungen wie Flurnamen grafisch eingetragen wurden, die auf aufgelassene Dorfstellen (Wüstungen), Wege oder Fluren hindeuten. Ein Blick auf das Blatt Nr. 2392 Jessen zeigt nun in der Tat nordöstlich von Plossig, am südlichen Kartenrand gelegen, eine wüste Stelle mit der Bezeichnung T, zusätzlich wird auch der Name angegeben ›Burgstädel‹. Ob das jener Ort ist, der in der obigen Urkunde genannt wird?

Die Stelle T (Abbildung 2) markiert ein eingetragenes oberirdisch sichtbares Bodendenkmal: Burgwall Plossig. Außer dem Namen auf dem historischen MBl ist sonst nichts weiter bekannt. Im Landesfundarchiv findet sich die Bemerkung, dass in den 50iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts slawische Scherben aufgefunden wurden, so dass der Burgwall im Landesamt unter ›mittelalterliche Befestigung‹ geführt wird (Abbildung 3). Eine urkundliche Überlieferung zum Burgwall war bis dato unbekannt. 

Die Identifizierung des Plossiger Burgwall mit der in der Urkunde von 1313 genannten Dorfstelle ›Burgstadel‹ wird durch weitere Indizien gestützt. So ist zum Beispiel das ebenfalls genannt ›Lubyn mit dem nordwestlich gelegenen Dorf Lebien zu verbinden (heute Ortsteil von Annaburg), das in Luftlinie nur zwei Kilometer von Burgstadel entfernt ist. Zum Anwesen gibt es interessanter Weise eine kurze Beschreibung in der sehr frühen Wüstungskunde von Förstemann, wo Folgendes steht: »571. Burgstall. Gr.[enze]: gegen W. Naundorf, gegen O Annaburger Waldung, gegen N Lebien, gegen S Plossig. Die Mark hat ihren eigenen Erb-Burgstall-Richter; ¼ derselben ist Acker, ¼ Wiesen und ½ Hutung, zu dieser gehört namentlich ›der Plan‹. Die Stätte ist unter dem Namen ›Burg‹ als Ruine noch vorhanden, doch ist sonst kein Merkmal irgendeiner Befestigung zu erkennen. Die Marke zinst teils an das Kloster Zinna, teils an die Prediger in Coswig.« (Förstemann 1834, 61, mit kleinen Anpassungen). Der Flurname ›Plan‹ findet sich richtigerweise auch auf dem historischen MBl 2392.

Da nun die Verbindung zum Kloster Zinna augenscheinlich ist, lohnt sich ein weiterer Blick in dessen Urkundenlage. So wird in der Darstellung der Geschichte des Klosters Zinna von W. Hoppe (1914, 32) neben dem uns schon bekannten Verkauf von ›Borchstadel im Jahr 1313 auch dessen Erwerb bereits im Jahr 1269 erwähnt, womit wir nun sogar noch eine weitere und zudem frühere urkundliche Erwähnung unseres Burgwalls hätten. Herzog Albert von Sachsen überließ am 7. Juli 1286 dem Kloster Zinna als Entschädigung für zugefügte Schäden das Dorf Burgstall. Das Eigentum am Dorf wird mit einer weiteren Urkunde vom 1. Dezember 1296 bestätigt (Backschat 1898, 451). Die Urkunde ist bei Winter (1879, 303‒305) publiziert.

Da nun die Identität des ›Borchstadel‹ mit der mittelalterlichen Wallanlage bei Plossig verifiziert ist, stellt sich natürlich auch die Frage, wer denn dort nun ansässig war. Auch hier konnten durch weitere Recherchen relevante Hinweise gefunden werden. Plossig ist mehrfach verbunden mit einer Familie Schlieben, und wo außer auf dem Burgwall selbst sollte diese Familie, die diesen Ort im Namen führte, zu lokalisieren sein. Zumindest wird auf dem Burgwall ein Verwalter gelebt haben (Abbildung 4).

Zur Familie Sleben / Schlieben, die mit dessen Stammvater Otto von Sleben 1144 als Zeugen erstmals urkundlich in Erscheinung tritt, gibt die genealogische Fachliteratur weitere Hinweise:

Ottos Nachkomme Osse (geboren 1328) tritt im Gefolge von Herzog Rudolf von Sachsen auf und begründet den Stamm A der Familie Schlieben. Sein Urenkel (?) Hans, Vogt zu Eilenburg, wird urkundlich 1406 bis 1441 genannt und auch erstmals mit Plossig in Verbindung gebracht, ebenso sein Sohn (?) Hans (genannt 1443-1453) »auf Hondorf und Plossig«. Weitere Angehörige der Familie, die mit Plossig in Verbindung stehen, sind dessen Sohn Georg (genannt 1448 bis 1475) und Enkel Georg (genannt 1479 bis 1519). Eustach (genannt 1521 bis + 23.03.1567), unter anderem 1522 mit Plossig belehnt, ist der letzte aus der Familie Schlieben, dessen Namen im Zusammenhang mit Plossig genannt wird (alle Angaben nach Gothaisches genealogisches Handbuch 17, 731 bis 732).

Durch das Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt ist es also gelungen, den zunächst weitgehend im geschichtslosen Dunkel dahindösenden Burgwall aus diesem zu entreißen und mit historischem Leben zu füllen.


Text: Andreas Hille
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

Quellen

Codex diplomaticus Anhaltinus I-VI (Dessau 1867-1883). www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11351498

Gothaisches genealogisches Handbuch https://archive.org/details/gothaischesgenea1916goth/page/731/mode/2up

Literatur

F. Backschat, Kloster Zinna bei Jüterbog. Gedenkblatt zur Wiedereinweihung der ehemaligen Klosterkirche am 02. April 1898. In: ›Brandenburgia.‹: Monatsblatt der Gesellschaft für heimatkunde der provinz Brandenburg zu Berlin. Deutschland: P. Stankiewicz, 1899, 409—458.

F. Bünger/G. Wentz, Das Bistum Brandenburg. Zweiter Teil. Der Germania Sacra. Erste Abteilung, dritter Band. (Berlin 1941).

K. Ed. Förstemann, Verzeichnis der im Regierungsbezirk Merseburg gelegenen wüsten Marken, untergegangenen Dörfer. N. Landräthlicher Kreis Torgau. In: Neue Mitteilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forschungen Erster Band, Erstes Heft, 1834, 57—63. Neue Mitteilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forschungen - JPortal 

W. Hoppe, Kloster Zinna. Ein Beitrag zur Geschichte des ostdeutschen Koloniallandes und des Cistercienserordens. Veröffentlichungen des Vereins für Geschichte der Mark Brandenburg 15 (München, Leipzig 1914).

F. Winter, Zur Geschichte des Klosters Zinna. In: Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg. Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde des Herzogthums und Erzstifts Magdeburg 11, 1879, 294.

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