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Zeugnisse von Repression und Befreiung – Landesweit erste Forschungsgrabung im Bereich eines ehemaligen Konzentrations-Außenlagers bei Walbeck, Landkreis Börde

8. Januar 2026

Die folgende Presseinformation ist auch als PDF [0,3 MB, nicht barrierefrei] zum Herunterladen erhältlich.

Infolge der alliierten Luftangriffe wurden im Laufe des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Rüstungsbetriebe unter Tage verlagert. Das Lager Walbeck-Weferlingen kann als exemplarisch für mehrere im Umfeld der Rüstungsverlagerungen errichtete Lager in Sachsen-Anhalt betrachtet werden. Gezielte Forschungsgrabungen in solchen Lagern fanden bislang nicht statt. Da schriftliche Aufzeichnungen nur einen begrenzten Einblick geben und durch mehrfache Raubgrabungen eine akute Gefährdung des Bodendenkmals gegeben war, wurde durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Zusammenarbeit mit dem Verein für Walbecker Geschichte und Heimatpflege e. V. im Oktober 2025 eine Forschungsgrabung im Lagerbereich durchgeführt. Hierbei konnten umfangreiche Einblicke in die Lagerstruktur gewonnen und zahlreiche Spuren des Häftlingslebens sowie der Zeit nach der Befreiung gesichert werden.

Die Archäologie erforscht längst nicht mehr nur die weit zurückliegende Vergangenheit. Als Archäologie der Moderne betrachtet sie Fundplätze, die bis in die jüngste Vergangenheit reichen. Schriftquellen informieren zwar oft ausführlich über die großen Zusammenhänge historischer Abläufe. Weniger in ihrem Fokus stehen jedoch das Alltagsleben und individuelle Schicksale von Menschen. Hier kann die Archäologie eine erweiterte Perspektive bieten und ermöglicht es, die durch schriftliche Quellen nur unzureichend dokumentierten Ereignisse zu erfassen. Für die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs gewinnt die Archäologie insbesondere an Bedeutung, weil heute nur noch wenige Zeitzeugen vom Erlebten berichten können.

Nahe Walbeck befand sich zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. In unmittelbarer Nähe zur ehemaligen innerdeutschen Grenze (heute als Nationales Naturmonument ›Grünes Band‹ geschützt) gelegen, zeigt sich hier die Verbindung der Verbrechen des Nationalsozialismus und der daraus resultierenden Teilung Deutschlands auch räumlich.

Infolge der alliierten Luftangriffe wurden im Laufe des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Rüstungsbetriebe unter Tage verlagert. Im August 1944 wurde nahe des ehemaligen Kalischachts ›Buchberg‹ bei Walbeck am Lappwald unter dem Decknamen ›Gazelle‹ ein Arbeitskommando des Konzentrationslagers Buchenwald eingerichtet. Etwa 500 männliche Häftlinge mussten hier unter Tage bei schlimmsten Bedingungen Produktionshallen für die Rüstungsindustrie ausbauen, bevor am 12. April 1945 amerikanische Truppen das Barackenlager befreiten und die Überlebenden medizinisch versorgt werden konnten.

Das Lager Walbeck-Weferlingen kann als exemplarisch für mehrere im Umfeld der Rüstungsproduktion errichtete Lager in Sachsen-Anhalt betrachtet werden. Da gezielte Forschungsgrabungen in solchen Lagern bislang nicht stattfanden, die Schriftquellen nur einen begrenzten Einblick geben und durch mehrfache Raubgrabungen eine Gefährdung des Bodendenkmals gegeben war, wurde durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt in Zusammenarbeit mit dem Verein für Walbecker Geschichte und Heimatpflege e. V. im Oktober 2025 eine Forschungsgrabung im Lagerbereich durchgeführt. Die begleitende flächige Metallsondenprospektion der gesamten Fundstelle und ihres Umfeldes wurde durch ehrenamtliche Beauftragte in der Bodendenkmalpflege durchgeführt. Unterstützt wurde das Projekt auch durch Studierende der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Während der zweiwöchigen Kampagne standen die Barackenstandorte sowie das Umfeld des Lagers mit dem angrenzenden Tagebau im Fokus der Untersuchungen. Hierbei konnten umfangreiche Einblicke in die Lagerstruktur gewonnen und zahlreiche Spuren des Häftlingslebens sowie der Zeit nach der Befreiung gesichert werden. Neben den Baubefunden im Bereich der Baracken und Sperrzäune ließen besonders die persönlichen Habseligkeiten der Gefangenen den Wert archäologischer Quellen in Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus und das Gedenken an deren Opfer hervortreten.

Durch den Verein für Walbecker Geschichte und Heimatpflege e. V. erfolgt bereits seit längerer Zeit Gedenk- und Forschungsarbeit zum nun durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt untersuchten Außenlager und weiteren Orten der Zwangsarbeit im Umfeld von Walbeck. Dank des großen Interesses der lokalen Akteure und ihrer Unterstützung bei den aktuellen Untersuchungen konnte hier gemeinsam in wenigen Tagen viel erreicht werden. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sollen perspektivisch vor Ort präsentiert werden.

Kontakt

Dr. Tomoko Emmerling | Dr. Oliver Dietrich
Öffentlichkeitsarbeit
+49 345 5247-384 | -334
oeffentlichkeitsarbeit@lda.stk.sachsen-anhalt.de

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