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Salz an der Elbe – Bronze- und früheisenzeitlich Briquetagefunde fernab der Solegebiete

Juni 2026

Salz war das ›Gold der Vorzeit‹, viele überlieferte historische Aussagen seit mehr als 4000 Jahren zeugen davon. Noch bis in das 19. Jahrhundert hinein – vor dem Beginn der Industrialisierung mit Tiefbohrungen, Dampfpumpen und Siedefeuerung mit Kohle – hatte seine Gewinnung einen hohen Preis. Das Würzen von Speisen war ein eher nebensächlicher Aspekt, weil der Mensch genügend des lebenswichtigen Salzes mit seiner Nahrung aufnehmen kann. Große Bedeutung erlangte es jedoch im Zuge der Intensivierung der Viehzucht. Stand es in ausreichender Menge zur Verfügung, konnten darüber hinaus Lebensmittel konserviert werden, denn bis in die Moderne war Einsalzen beziehungsweise Pökeln – neben Räuchern, Trocknen und Fermentieren – eine der effektivsten Methoden zu deren Haltbarmachung. Und wer konservieren konnte, hatte große Vorteile. Einerseits standen auch am Ende des Winters noch nahrhafte und vergleichsweise abwechslungsreiche Speisen zur Verfügung. Andererseits ließen sich lebensbedrohliche Krisen, wie Missernten und Kriege, besser überstehen. Daher suchte und fand der Mensch in fast allen Regionen der Welt Methoden, Salz zusätzlich bereitzustellen. Für die antiken Hochkulturen war dies mit vergleichsweise geringem Aufwand verbunden. In den warmen Gegenden am östlichen Mittelmeer und am Persischen Golf ließ sich Salz durch Verdunstung aus Meerwasser gewinnen, so wie es sogar heute noch, trotz niedriger Weltmarktpreise, im privaten Rahmen praktiziert wird (Abbildung 1).

Einem deutlich größeren Problem standen die Bewohner Mittel- und Nordeuropas gegenüber. Zum einen war der Zugang zu salzhaltigem Wasser außer an den Küsten nur an den wenigen geologisch besonderen Stellen im Binnenland gegeben, nämlich dort, wo salzhaltiges Wasser – die Sole – an der Oberfläche als Quellwasser austrat. Zum anderen funktioniert Gradierung durch natürliche Verdunstung aufgrund der geringeren Sonneneinstrahlung nur sehr eingeschränkt. Die Sole musste also mit künstlich erzeugter Hitze zu kristallinem Salz gesotten werden. Da es dafür prinzipiell nur eines Gefäßes und Brennmaterials bedarf, ist davon auszugehen, dass bereits im mittleren Neolithikum (4. Jahrtausend vor Christus) im Saalegebiet Salz gewonnen wurde, ohne dass dies archäologisch nachweisbar wäre. Im Inneren eines üblichen Kochgefäßes konnte Sole bei mäßiger Hitze, um das Gefäß nicht zu zerstören, zu einer Salzlake oder sogar zu einer dünnen trockenen Salzschicht eingedampft werden. Die so zu erzielende Ausbeute war allerdings vergleichsweise gering. Durch einen technologischen Fortschritt konnte die Ausbeute erhöht werden: Spätestens ab dem Beginn des zweiten vorchristlichen Jahrtausends kamen in großem Maßstab spezielle hitzefeste Gefäße zum Einsatz, in welche Sole beständig nachgegossen werden musste, bis sich in ihnen ein massiver Salzkuchen gebildet hatte. Da die entsprechenden keramischen Gerätschaften, genannt Briquetage (französisch für ›Ziegelzeug‹), ein rein technisches Produktionsmittel waren und die Behälter vom fest angebackenen Salzkuchen abgeschlagen werden mussten, waren sie verzierungslos und sehr grob geformt (Abbildung 2). Lediglich die in einigen Zeiten eigens hergestellten Tragfüße konnten mehrfach in den Öfen genutzt werden (Abbildung 3). Wie bei allen technischen Gerätschaften lässt sich im Laufe der Zeit eine Entwicklung feststellen, so dass vom Neolithikum bis in die frühe Eisenzeit mindestens acht Varianten anhand ihrer Formgebung unterschieden werden können (Matthias 1961).

Die üblicherweise unansehnlichen Reste der zerstörten Gerätschaften (Abbildung 4, 5) treten im archäologischen Fundgut neben anderen Funden meist in den Hintergrund. Archäologen können sie allerdings aufgrund ihrer charakteristischen Färbung und groben Magerung gut identifizieren. So wurden solche Objekte auch fernab der Solegebiete gefunden. Zwar lässt sich das lösliche Salz nach Jahrtausenden nicht direkt nachweisen, doch lassen sich so die Wege, die das Endprodukt aus dem Saalegebiet zurückgelegt hat, in diesen Fällen, wenn die Salzkuchen zusammen mit den noch anhaftenden Siedegefäßresten als Transportschutz in andere Gegenden gelangt sind, verfolgen. Beispielsweise lässt sich nachweisen, dass Salz aus dem Halleschen Gebiet in großem Umfang circa 100 Kilometer weit nordöstlich in die Niederlausitz verhandelt worden ist, denn dort findet sich Hallesche Briquetage als Beigabe in spätbronzezeitlichen Gräbern (Bönisch 1993). Während also Siedegefäßfragmente sowohl am Produktionsort als auch am Ort der Endnutzung des Salzes vorkommen können, erfüllen die speziellen Fußteile nur am Produktionsort eine sinnvolle Funktion. Die unscheinbaren Briquetagereste sind also ein wichtiger Indikator für prähistorische Wirtschaftsweisen und Handelsverbindungen.

Naturgemäß sind derartige Funde in den Solegebieten an Saale und Unstrut keine Sensationen. Sie treten in Siedlungen, vor allem rund um Halle, stellenweise massenhaft auf. Immer wieder jedoch werden Einzelstücke auch in Gegenden gefunden, wo sie nicht erwartet werden. So bei den in den Jahren 2000/2001 von Matthias Sopp und Torsten Schunke auf dem Buroer Feld bei Coswig (Landkreis Wittenberg), durchgeführten Grabungen (Abbildung 4), oder bei einer Baubegleitung im Zuge der Neuverlegung einer Erdgasleitung in Zerbst (Landkreis Anhalt-Bitterfeld), wo Frank Besener im Jahr 2019 in einem nur einen halben Meter breiten Graben ein Briquetagebruchstück aus einer eisenzeitlichen Grube bergen konnte (Abbildung 5). Es ist einer der nordöstlichsten Produktionsnachweise im Mittelelbe-Saale-Gebiet. Und wie der häufig überraschende Zufall so will, gelang ihm nur ein Jahr später ein weiterer, noch viel aussagekräftigerer Fund bei Pratau (Landkreis Wittenberg) am linken Elbufer gegenüber von Wittenberg.

Dort wurde im Zuge der archäologisch notwendigen Untersuchungen vor dem Bau einer Halle der Logistik-Firma FRIGOSPED ein zunächst unspektakulär wirkender Ausschnitt einer früheisenzeitlichen Siedlung aufgedeckt. Nur eine einzige der Gruben enthielt in nennenswertem Umfang Fundmaterial, doch dieses lässt erstaunen. Der Inhalt besteht nicht nur aus Gefäßresten und einer großen Menge an Webgewichten (Abbildung 6), die augenscheinlich in der Art von Lehmziegeln in einer Ofenwandung verbaut gewesen sind, sondern es sind auch elf vollständige Zylindersäulen und Bruchstücke von weiteren Säulen darunter sowie darüber hinaus Reste von vielen ungewöhnlich flachen Tiegeln, von denen sich drei weitgehend rekonstruieren lassen (Abbildung 7). ). Alle Objekte waren starker Hitze ausgesetzt, vermutlich in dem anzunehmenden Siedeofen (Vergleich Abbildung 3), dessen Reste nun vor uns liegen. Der Zusammenfund von Säulen und Tiegeln in einer Grube, der die Gleichzeitigkeit und Zusammengehörigkeit der Objekte belegt, wäre selbst für das Saalegebiet ein äußerst seltener Fund. An der Elbe steht ein solches Ensemble bisher allein.

Früher hätte man das Vorkommen, weit entfernt von den eigentlichen Solequellen, damit erklärt, dass in manchen Gegenden auf salzigen Böden Salzpflanzen (Halophyten) wachsen, aus deren Asche sich prinzipiell auch Salz gewinnen lässt.

Doch inzwischen wird anhand der Verbreitung der Briquetagefunde ein anderes Szenario immer wahrscheinlicher: Nach vielen Jahrhunderten Raubbau an Brennholz in den traditionellen Solegebieten mussten neue Lösungen gefunden werden. Eine war, Holz von flussaufwärts gelegenen Gebieten im Süden Mitteldeutschlands aus in die Hallesche Gegend zu flößen. Die andere war offensichtlich, die Sole selbst flussabwärts zum Holz zu bringen. Denn der Fund aus Pratau verstärkt das bereits früher auffällige Bild (Schunke 2010 und 2022), dass die meisten dieser nördlichen Produktionsnachweise direkt in der Elbaue oder zumindest in Elbnähe liegen (Abbildung 8), wo nachweislich keine Salzvorkommen existiert haben können. 

Vermutlich wurde die Sole – vielleicht in bereits gradiertem Zustand – auf Booten oder Flößen in organischen Behältern, wie zum Beispiel Fässern, transportiert, so wie es für den Salzhandel im Mittelalter und der Neuzeit bekannt ist (Abbildung 9). Vor Ort in der Elbaue oder an den Rändern des Urstromtales war sicher noch in ausreichendem Maße Brennstoff vorhanden. Aufgrund der einzelnen Briquetage-Funde ist anzunehmen, dass es keine regelrechten Manufakturen, wie sie offensichtlich stellenweise an der Saale bestanden haben, gegeben hat, doch ließen sich Phasen im bäuerlichen Leben, wenn die agrarische Wirtschaftsweise Zeit dafür ließ, zu einem lukrativen ›Nebenerwerb‹ nutzen: Mit dem leicht zu beschaffenden Brennmaterial konnte in kleinerem Maßstab Salz gesotten werden. Ob die Erzeuger im Elbegebiet ihre Erträge selbst nutzten, etwa um das Fleisch der von ihnen gezüchteten Rinder zu konservieren, oder ob sie beispielsweise ebenfalls Menschen in der Niederlausitz versorgten – immerhin war die Strecke von dort aus bereits ein Drittel kürzer als aus dem Halleschen Gebiet – lässt sich leider nicht belegen.

Denn in der frühen Eisenzeit, aus welcher der Pratauer Fund stammt, hatte sich der Umgang mit den Siedegerätschaften bereits verändert. Die am Salzkuchen anhaftenden Tiegelreste wurden nun nicht mehr, wie noch am Ende der Bronzezeit, mit dem Salz mitgegeben, sondern schon am Produktionsort abgeschlagen. Sie verblieben also in der Nähe der Öfen und gelangten nicht zusammen mit dem Salz in andere Regionen. Somit gibt es derzeit noch keine Möglichkeit, die Verbraucher des Halleschen und auch des Pratauer Salzes in der frühen Eisenzeit archäologisch zu identifizieren.


Text: Frank Besener, Torsten Schunke
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

Literatur

E. Bönisch, Briquetage aus bronzezeitlichen Gräbern in der Niederlausitz. Arb.- u. Forschber. Sächs. Bodendenkmalpfl. 36, 1993, 67—84.

W. Matthias, Das mitteldeutsche Briquetage – Formen, Verbreitung und Verwendung. Jahresschr. Mitteldt. Vorgesch. 45, 1961, 119—225.

T. Schunke, Die jungbronze- bis früheisenzeitliche Siedlung. In: R. v. Rauchhaupt/T. Schunke, Am Rande des Altsiedellandes: Archäologische Ausgrabungen an der Ortsumgehung Brehna. Arch. Sachsen-Anhalt, Sonderbd. 12 (Halle 2010) 57—161.

T. Schunke, Siedetechnik für ein Lebenselixier. Briquetage aus dem Saalegebiet. In: H. Meller/K. Gärtner (Hrsg.), Schönheit, Macht und Tod II. 275 Funde aus dem Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Halle 2022) 270—271.

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