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Große Geschichte in der Waldeseinsamkeit – ein mittelalterliches Papstsiegel aus der Wüstung Bischofsrode im Harz

März 2026

Im Juni 2025 prospektierte der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Günter Dittrich das Areal der mittelalterlichen Dorfstelle Bischofsrode bei Gernrode, Landkreis Harz. Unfern der ehemaligen Dorfkirche, von der ein kleiner Hügel zeugt, stieß er auf einen ungewöhnlichen Fund: ein Bleisiegel – eine sogenannte ›Bulle‹ – des Papstes Alexander III., der von 1159 bis 1181 amtierte. In diesem Fund materialisiert sich große mittelalterliche Geschichte. Wie nur ist dieses Siegel an seinen heute entlegenen Fundort gelangt? Das ovale Siegel aus Blei ist vier Zentimeter breit, 3,3 Zentimeter hoch und 0,45 Zentimeter stark. Es ist stark korrodiert und nur schwach geprägt, doch sind die Beschriftung und die bildlichen Darstellungen gut zu identifizieren. 

Auf der Vorderseite sind innerhalb eines Perlkranzes zwei bärtige Häupter zu sehen, deren Heiligenscheine durch ovale Perllinien angedeutet sind (Abbildung 1). Darüber steht in Majuskelbuchstaben SPASPE, die Abkürzung für ›Sanctus Paulus Apostolus, Sanctus Petrus Episcopus‹. Die Gesichter der beiden Apostel Petrus und Paulus sind einander zugewandt, zwischen ihnen befindet sich ein einfaches Kreuz. Die Rückseite (Abbildung 2) weist eine weitere Inschrift auf: ALEXANDER PP III – Papst Alexander der Dritte. Damit liegt eine typische Ausprägung jenes Siegelbildes vor, welches die mittelalterlichen Päpste seit dem 12. Jahrhundert verwendeten. Das Motiv auf der Vorderseite blieb stets gleich und kündete vom Selbstverständnis des Papstes in der Nachfolge der beiden großen Heiligen Petrus und Paulus. Die Rückseite wechselte mit dem Amtsantritt der Amtsträger. 

Alexander III., um 1100 in Siena wahrscheinlich als Roberto [Orlando] Bandinelli geboren, wurde 1159 in einer besonders dramatischen Epoche zum Papst gewählt. Damals stritten Kaiser und Papst um Vorrang, und Alexander sah sich gleich zu Anfang seines Pontifikats mit einem Gegenpapst konfrontiert, der von Friedrich I. Barbarossa (gestorben 1190) unterstützt wurde. Alexander musste sich nach dem Tod des ersten Konkurrenten mit drei weiteren Gegenpäpsten auseinandersetzen. Er geriet in Kirchenbann und Reichsacht, exkommunizierte seinerseits aber auch seine kirchlichen Konkurrenten sowie 1160 den Kaiser. Alexander musste zeitweise aus Rom und nach Frankreich fliehen, verbündete sich mit kaiserfeindlichen Parteien in Oberitalien, trug mannigfache Streitigkeiten aus und vermochte Friedrich Barbarossa erst nach dessen militärischer Niederlage gegen die Lombarden bei Legnano 1176 zum Einlenken zu bringen. Neben weiteren Zugeständnissen erkannte der Staufer Alexander 1177 in Venedig an. 

Das Siegel kündet also von einer bestimmenden Persönlichkeit seiner Zeit – dabei dürfte Alexander allerdings weder an dem Siegel noch an der Urkunde, zu der es gehörte, persönlichen Anteil genommen haben. Solche Urkunden wurden in den riesigen päpstlichen Kanzleien ausgestellt, die fortwährend mit religiösen, politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten aus der ganzen römisch-katholischen Sphäre befasst waren: die Bestätigung von Schenkungen, Ämtern, Besitz und Rechten, religiöse Mitteilungen und Entscheidungen, Streitschlichtungen und Abgabeneinzug. Unzählige Briefe und Urkunden fanden so ihren Weg in die Welt.

 

Die Dorfwüstung Bischofsrode liegt wenige Kilometer südwestlich von Gernrode im Harz. Von der Siedlung zeugen sehr schwache Dämme und Mulden im Gelände sowie der bereits angesprochene Kirchhügel. Einige Lesescherben weisen auf eine Laufzeit der Siedlung vom 11./12. bis ins 14. Jahrhundert hin. Schriftlich wird Bischofsrode zeitgenössisch nur einmal erwähnt: Am 18. Oktober 1170 bestätigte Bischof Gero von Halberstadt dem Kloster Mariental (bei Helmstedt) die Schenkung von drei Dörfern durch den Halberstädter Ministerialen Nothung von Gattersleben, darunter ›Bischeperot‹. Eine um 1400 zusammengestellte Matrikel der Archidiakonate des Bistums Halberstadt mit deren Gliederung und Ortschaften führt desgleichen ›Bischoperode‹ im Harz-Archidiakonat des Bistums auf. Das Dorf war zu dem Zeitpunkt wohl schon aufgegeben. 

Wie kommt ein Papstsiegel also in einen solchen kleinen Ort? Zunächst mag sein, dass das Siegel ohne seine Urkunde als Besitz eines Bischofsröder Einwohners in das Dorf gelangt ist. Dieser hätte es dann vermutlich irgendwo im nördlichen Harzraum erworben. Ausrangierte Papstsiegel wurden wohl zuweilen als Talismane getragen, wie mit Durchlochungen versehene Stücke und Grabfunde zeigen, oder als Segensbringer auf Ackerflächen vergraben. Denkbar wäre auch, dass die Bulle als Altmetall und Rohstoff Verwendung in der Dorfschmiede fand. Es gibt verschiedentlich archäologische Hinweise auf das Recyceln von Papstsiegeln, die ja eine ansehnliche Menge von Blei boten.

Die zweite Möglichkeit ist, dass das Siegel als Anhang einer Urkunde nach Bischofsrode kam. Dazu können wieder sehr unterschiedliche Prozesse und Ereignisse geführt haben. So wäre der Verlust der Urkunde durch einen Boten bei einer Harzquerung denkbar, etwa durch Unglück oder Diebstahl. Die Urkunde könnte sich aber auch auf Bischofsrode selbst bezogen haben. Wie schon angesprochen, nahm der Papst manchmal auch an fernen, eher schnöden Amtsvorgängen Anteil – Bestätigung von Schenkungen beziehungsweise Stiftungen, Amtseinsetzungen, Pfründenvergabe und vieles mehr. 

 

Der Name des Dorfes weist auf eine bischöfliche Rodungssiedlung hin. 1170 war es in der Hand eines Ministerialen des Bischofs von Halberstadt, gehörte zu dessen Harzbann und ging an das Kloster Mariental über. Ist es möglich, dass man bei der Gründung oder Umstrukturierung des Dorfes, der Ansetzung einer Kolonistengruppe oder einer größeren Besitzübertragung eine päpstliche Bestätigung eingeholt hatte, und diese Urkunde nach Bischofsrode gelangte beziehungsweise dort verblieb? Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Bischof Gero, der die Schenkung von 1170 bestätigte, unmittelbar in die oben geschilderten Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Friedrich Barbarossa und Papst Alexander III. einbezogen war: Er war als kaiserlicher Kandidat eine Art Gegenbischof zum vorherigen Amtsinhaber Ulrich von Halberstadt (gestorben 1180), den Barbarossa 1160 als Parteigänger Alexanders III. abgesetzt hatte; 1177 wurde Ulrich von Alexander III. wieder als Bischof eingesetzt, während sich Gero im Banne sah. Hier bestanden direkte Beziehungen zwischen den Bischöfen und dem Papst, gleichermaßen hatte man an den dramatischen Zeitläufen Anteil. 

Es wäre zwar ein bemerkenswerter Zufall, wenn ein Siegel Papst Alexanders III. in ein Dorf des Halberstädter Sprengels gelangt wäre, dessen Bischöfe in die Konflikte um Alexanders Pontifikat involviert waren und hier gegensätzlich Partei ergriffen. Beweisen lässt sich jedoch nichts. Der durchaus rätselhafte Fund von Bischofsrode wirft jedenfalls ein interessantes Licht auf das eng verflochtene und weit gespannte Kommunikationsnetzwerk, in das das mitteldeutsche Harzgebirge im hohen Mittelalter eingebunden war. 


Text: Felix Biermann, Günter Dittrich
Online-Redaktion: Sarah Krohn, Anja Lochner-Rechta

Literatur

M. H. Bartels, Papal Bullae; a message from above? Interpretations of the papal lead seal (11th–16th c.) in archaeological contexts in and around the Netherlands. In: C. Rinne/J. Reinhard/E. Roth Heege/S. Teuber (Hrsg.), Vom Bodenfund zum Buch. Archäologie durch die Zeiten. Festschrift für Andreas Heege. Hist. Arch. (Bonn 2017) 315–334.

F. Biermann/D. Meyer, Aus Avignon in die Uckermark – ein mittelalterliches Papstsiegel aus dem Zisterzienserinnenkloster Seehausen. Heimatkal. Prenzlau 2021 (2020), 44–55. 

G. von Bülow, Gero, Bischof von Halberstadt, nebst einem Anhange über die Diplomatik der halberstädter Bischöfe in der letzten Hälfte des 12. Jahrhunderts (Berlin 1871).

E. Bünz, Ulrich, Bischof von Halberstadt. In: Neue Deutsche Biographie 26 (2016) [online-Version]. https://www.deutsche-biographie.de/pnd139112251.html#ndbcontent (17.02.2026).

T. Frenz, Papsturkunden des Mittelalters und der Neuzeit. Historische Grundwissenschaften in Einzeldarstellungen 2 (2. Auflage, Stuttgart 2000).

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