Fern von Rom: Fünf republikanische Denare in Halle
November 2026
In Halle (Saale) wurden im Spätsommer 2025 vom ehrenamtlich beauftragten Bodendenkmalpfleger Dirk Braungardt fünf Silbermünzen aus der Zeit der Römischen Republik entdeckt. Es handelt sich um Denare, wobei ein Stück 148 v. Chr. sowie vier weitere Münzen zwischen 90 und 79 v. Chr. geprägt wurden und damit in die Spätphase der Republik gehören (Abb. 1). Die Münzen wurden innerhalb einer eng begrenzten Fläche geborgen. Ihre heutige Verteilung dürfte auf nachträgliche Einwirkungen wie Pflugarbeit, Erosion oder Tieraktivität zurückzuführen sein. Der Befund spricht dafür, dass die Münzen ursprünglich zu einem kleinen Hort gehörten und nicht das Ergebnis zufälliger Einzelverluste sind. Denkbar ist beispielsweise der Inhalt einer kleinen Börse, die im Boden deponiert wurde oder verloren ging.
Für Sachsen-Anhalt besitzt dieser Fund eine besondere Bedeutung. Bislang sind aus dem heutigen Landesgebiet lediglich 23 republikanische Münzen bekannt. Nahezu alle wurden als Einzelfunde entdeckt und an vielen dieser Fundplätze wurden im direkten Umfeld oder in der weiteren Umgebung zudem kaiserzeitliche Münzen und andere römische Importwaren vom 1. bis ins 4. Jh. nachgewiesen. Eine Ausnahme bilden vier Münzen aus Großleinungen, deren ursprüngliche Fundumstände jedoch nicht mehr rekonstruiert werden können, da es sich um einen Ankauf bereits aus dem Jahr 1897 handelt. Somit stellt der Fund in Halle nach derzeitigem Kenntnisstand den ersten sicher belegten kleinen Hortfund republikanischer Denare in Sachsen-Anhalt dar.
Auch im überregionalen Vergleich, auf Grundlage der FMRD-Bände (Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland) und der Datenbank Antike Fundmünzen in Europa (AFE) ist der Fund interessant. Während in Thüringen und Niedersachsen deutlich mehr republikanische Denare nachgewiesen sind – sowohl als Einzelfunde als auch als Bestandteile von Hortfunden –, nimmt ihre Funddichte nach Nordosten deutlich ab (Abb.2). Abgesehen von den Hortfunden von Niemegk in Brandenburg und Zettemin in Mecklenburg-Vorpommern, die beide eine zweistellige Zahl republikanischer Denare enthalten, ist die Menge dieser Münzen in den nordostdeutschen Bundesländern gering und bewegt sich insgesamt in einer Größenordnung, wie sie allein für Sachsen-Anhalt bekannt ist. (Abb. 3) Auch in Skandinavien sind sie im Vergleich zu kaiserzeitlichen Münzen selten. In Dänemark etwa sind republikanische Denare neben lediglich zehn Einzelfunden in Süd- und Ostdänemark auch als Teil von zwei Hortfunden in Skellerup auf Fünen und Ginnerup bekannt. Für das polnische Staatsgebiet sind in der Datenbank „Finds of Roman Coins from Poland“ immerhin 229 republikanische Denare als Einzel- und Hortfunde verzeichnet, die sich besonders mit der Besiedlung durch die Przeworsk-Kultur in Verbindung bringen lassen.
Die fünf Münzen aus Halle selbst weisen deutliche Gebrauchsspuren auf und waren offenbar lange im Umlauf. Republikanische Denare blieben auch innerhalb des Römischen Reiches über einen langen Zeitraum gültig und waren selbst bis zum Ende des 1. Jh. n. Chr. noch Bestandteil des Geldverkehrs. Die Zusammensetzung des kleinen Hortes entspricht einem plausiblen Umlaufverband, wie er auch innerhalb des Römischen Reiches, insbesondere noch Anfang des 1. Jh. n. Chr., zu erwarten wäre. Auffällig ist, dass drei der fünf Münzen innerhalb eines sehr kurzen Prägezeitraums (82–79 v. Chr.) entstanden. Ebenso erwähnenswert ist das Vorkommen von drei sogenannten Serrati, also Denaren mit gezähntem Rand – in zwei Fällen sogar mit Graffiti. Häufig entziehen sich diese sekundären Markierungen, die neben Buchstaben und Monogrammen u.a. auch Symbole und Zahlen umfassen können, einer eindeutigen Interpretation. Auch bei den beiden hier vorliegenden Münzen lassen sich die genaue Anzahl, zeitliche Abfolge und Bedeutung der Zeichen derzeit nicht sicher bestimmen. Graffiti vor dem Kopf auf dem Avers sind allerdings häufig belegt und auch für die Platzierung zumindest eines Striches in 4-Uhr-Position auf dem Revers finden sich Parallelen bei republikanischen Denaren.
Der Politiker und Historiker Tacitus (ca. 55-120 n. Chr.) berichtet, dass die Germanen Silbermünzen bevorzugten, vor allem alte Münzen wie die republikanischen „serrati“ und „bigati“. Vielleicht war dies aber auch lediglich eine Anspielung auf den im Laufe der Kaiserzeit immer weiter herabgesetzten Feingehalt der kaiserzeitlichen Denare im Vergleich zu den republikanischen. Wird der Hallische Fund isoliert betrachtet, würde er diese Aussage bestätigen. Mit Blick auf das gesamte bisher bekannte Fundmaterial römischer Münzen im Barbaricum erscheint Tacitus’ Aussage aber unwahrscheinlich. Dass Denare den Großteil der importierten römischen Münzen ausmachen – Hortfunde und Einzelfunde – belegen die Funde zwar deutlich. Dass aber eine gezielte Auswahl ‚alter Münzen‘ innerhalb dieser Gruppe stattgefunden hat, ist archäologisch nicht nachzuweisen. Der Anteil der Serrati liegt in den Hortfunden in Deutschland sowie auch in Österreich, auf der Iberischen Halbinsel und in Rumänien zwar in augusteischer Zeit höher als im italischen Kernland, aber noch in der julisch-claudischen Zeit sinkt der Anteil in Kontinentaleuropa deutlich. Zur Zeit von Tacitus ist der Anteil der Serrati in den Hortfunden bereits verschwindend gering. Mit Blick auf die Gesamtheit der Hortfunde, die republikanische Denare enthalten, wird deutlich, dass mit späterem Verbergungsdatum eines Hortes die Zahl der darin enthaltenen republikanischen Münzen abnimmt. Dies ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass die Masse der noch in Italien im 1. Jh. umlaufenden republikanischen Denare spätestens im Zuge der Währungsreform unter Trajan (reg. 98–117) eingezogen und wiederverwendet wurde, wie auch metallurgische Untersuchungen zeigten.
Unter der Annahme, dass die hallischen Denare als geschlossenes Ensemble – möglicherweise sogar als Teil eines ursprünglich größeren frühen Denarhortes – nach Halle gelangten, könnte das Fehlen kaiserzeitlicher Münzen darauf hindeuten, dass der Zufluss bereits um die Zeitenwende oder wenig später erfolgte. Wären die Münzen erst deutlich später in die Region gelangt, wäre das gemeinsame Auftreten mit kaiserzeitlichen Prägungen grundsätzlich eher zu erwarten, ohne dass dies jedoch zwingend der Fall gewesen sein müsste. Zudem kann nicht genau festgestellt werden, wie lange die Denare noch im Barbaricum im Umlauf waren, bevor sie in Halle in den Boden kamen.
Die einzigen weiteren Hortfunde im nordostdeutschen Barbaricum, die ausschließlich republikanische Münzen enthalten, sind Delmenhorst und Hedemünden. Allerdings ist die Überlieferung hier sehr ungenau und nur wenige Münzen sind aus den beiden Horten bekannt, sodass sie für eine Auswertung keine verlässliche Datenbasis bilden. Beispiele für frühe Hortfunde, die mit augusteischen Denaren schließen und damit einen Import bereits im ausgehenden 1. Jh. v. Chr. oder wenig später wahrscheinlich machen, sind im nordöstlichen Barbaricum nur Zettemin in Mecklenburg-Vorpommern und eventuell Skellerup in Dänemark, obgleich hier in der Umgebung auch kaiserzeitlich Denare gefunden wurden. Bei den aus Niedersachsen bekannten Horten schließen etwa Niederlangen, Bingum-Soltborg, Goldenstedt, Gehrden und Barenaue-Lutterkrug augusteisch. Weitere Horte mit republikanischen Denaren schließen erst im 2. Jh. n. Chr. Die hier enthaltenen Exemplare, werden wohl gemeinsam mit den kaiserzeitlichen Münzen in das Barbaricum gelangt sein, obwohl mit Blick auf die Trajanische Münzreform nicht auszuschließen ist, dass sie aus einem früheren Zustrom stammen und den Horten später hinzugefügt wurden, also entsprechend lange im Barbaricum im Umlauf waren.
Bei Einzelfunden ist für die zeitliche Einordnung des Zuflusses entscheidend, ob am jeweiligen Fundplatz kaiserzeitliche Prägungen oder andere römische Importgüter nachgewiesen sind. Fehlen solche Begleitfunde, handelt es sich häufig um isolierte Einzel- beziehungsweise Altfunde, bei denen der Zeitpunkt des Zuflusses und der Niederlegung im frühen 1. Jh. möglich erscheint. Viele Fundplätze mit republikanischen Denaren sind aber mehrperiodig besiedelt oder genutzt worden. Für diese Plätze kann aufgrund der langen Nutzungsgeschichte in der Regel keine sichere Aussage darüber getroffen werden, wann die Münzen in die Region gelangten und wann sie niedergelegt wurden. Insgesamt weisen die Einzelfunde und augusteisch schließenden Hortfunde mit republikanischen Denaren auf einen Münzimport, der in die letzten Jahrzehnte des 1. Jh. v. Chr. und ins frühe 1. Jh. n. Chr. datiert. Dieser zeitliche Ansatz fällt in die Phase der augusteischen Germanienfeldzüge (12 v. Chr.–16 n. Chr.), als römische Truppen ihre militärischen Operationen weit über den Rhein hinaus ausdehnten. Unter Drusus (38–9 v. Chr.) und Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.) drangen römische Truppen weit in den Nordosten bis an die Elbe vor. Die damit verbundenen militärischen, logistischen und politischen Kontakte dürften den Zufluss römischer Münzen in die angrenzenden germanischen Gebiete begünstigt haben. Auch die überregionale Verbreitung der republikanischen Denare fügt sich gut in dieses Bild. Ihre Funddichte nimmt von den stärker vom römischen Einfluss geprägten Regionen im Westen und Süden nach Nordosten deutlich ab. Während die augusteischen Feldzüge den mitteldeutschen Raum bis an die Elbe unmittelbar berührten, ist für die weiter nordöstlich gelegenen Gebiete keine vergleichbare römische Präsenz anzunehmen. Der rückläufige Münzbestand nach Nordosten wird somit ein Spiegel der unterschiedlichen Reichweite und Intensität dieser Kontakte sein. Dass einige Münzen dennoch weit nach Norden gelangten, spricht für weitreichende Austausch- und Kontaktnetzwerke innerhalb der germanischen Gesellschaften.
Hier stellt sich die Frage, welche Rolle republikanische Denare innerhalb des Barbaricums als Wertträger bereits um die Zeitenwende gespielt haben könnten. Gezielte Analysen der Fundplätze könnten möglicherweise Aufschluss geben. Angesichts weniger Hortfunde und im Vergleich dazu häufigeren Einzelfunden im nordöstlichen Barbaricum ist ein Teil der Münzen vielleicht gar nicht als Wertspeicher gehortet, sondern relativ rasch weiterverarbeitet worden und bleibt damit im archäologischen Fundbild weitgehend unsichtbar. Hinweise darauf könnte möglicherweise die Analyse von Silbergegenständen lokaler Produktion der älteren römischen Kaiserzeit liefern. Die Untersuchung der Verfügbarkeit, Nutzung und Weiterverarbeitung römischen Silbers stellt somit ein spannendes Forschungsfeld dar.
Der hallische Fund erweitert den bisherigen Kenntnisstand zur Verbreitung republikanischer Silbermünzen in Mitteldeutschland und zeigt, dass auch kleine Hortfunde wichtige Bausteine für das Verständnis der Beziehungen zwischen dem Römischen Reich und den Gesellschaften jenseits seiner Grenzen sein können. Zugleich ist er ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Münzfunde nicht isoliert, sondern in ihrem archäologischen Kontext zu betrachten. Denn erst die Zusammenschau von Fundort, Fundumständen, Münzbestand und (über)regionaler Verbreitung ermöglicht es, den Weg und die Bedeutung römischen Silbers jenseits des Römischen Imperiums besser zu verstehen.
Besten Dank an Mario Schlapke und Prof. Dr. Wilhelm Hollstein für die Auskunft zu den Funden republikanischer Denare in Thüringen und Sachsen sowie an Friederike Stahlke für die Auskunft zu den Graffiti.
Text: Anika Tauschensky
Online-Redaktion: Tom Wilsdorf
Datenbanken
Datenbank Antike Fundmünzen in Europa: afe.dainst.org
Finds of Roman Coins from Poland: https://coindb-prod.ocean.icm.edu.pl/AFE_PL
Literatur
F. Berger, Untersuchungen zu römerzeitlichen Münzfunden in Nordwestdeutschland, SFMA 9, Berlin, 1992.
A. Dymowski, Roman Imperial Hords of Denarii from the European Barbaricum, Journal of ancient History and Archaeology 7.1, 2020; 193-243. https://doi.org/10.14795/j.v7i1_SI.482
A. Dymowski, Pre-neronian Denarii on Hoards of Roman Imperial Coins from the Przeworsk Culture and Wielbark Culture Territory, Wiadomości Numizmatyczne, 58/197-198, 2014, 73-93.
A. Dymowski, Nummi serrati, bigati et alii. Coins of the Roman Republic in East-Central Europe north of the Sudetes and the Carpathians (Warschau 2016).
H. W. Horsnæs/ M. Refshauge Beck, A Hoard of Republican Denarii from Skellerup, Denmark – A Preliminary Report, Notae numismaticae XIII, 2018, 37-46. https://doi.org/10.11588/diglit.49247.6
F. Hunter, A. Dymowski and D. Dzierzbicka, Denarii beyond the Empire. Political and Cultural Perspectives on Roman Silver Coins in Barbaricum, 2026, Brepols Publishers, Open-access. https://doi.org/10.1484/M.WSA-EB.5.149980
K. Huber, Differences in the Circulation Patterns of Roman Republican Coinage in the Imperial Period with a Particular Focus on the denarii serrati, Proceedings of the XVI International Numismatic Congress, 11–16.09.2022, Warsaw, Vol. II: Roman Numismatics, WSA 11, 2025, 459–468. https://doi.org/10.1484/M.WSA-EB.5.145127
F. Stahlke, More Than Just a Scratch. A Preliminary Categorisation of Graffiti on Roman Gold Coins, Proceedings of the XVI International Numismatic Congress, 11–16.09.2022, Warsaw, Vol. II: Roman Numismatics, WSA 11, 2025, 395-399. doi.org/10.1484/M.WSA-EB.5.145121
Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland:
R. Laser, K. Stribrny Abt. X. Sachsen-Anhalt, Abteilung XIII. Thüringen (Mainz 2003).
R. Laser, K. Stribrny Abt. IX Sachsen, XI Brandenburg, XII Berlin, XIV Mecklenburg-Vorpommern (Berlin 1997).
F. Berger, C. Stoess, Abt. VII. Niedersachsen und Bremen (Berlin 1988).
H. Komnick, Abt. VIII. Schleswig-Holstein und Hamburg (Berlin 1994).
Fundliste
Münzen aus Großleinungen: FMRD X, 1287.
Hortfund Niemegk: FMRD XI, 1007.
Hortfund Zettemin: AFE-ID 3294
Hortfund Delmenhorst: FMRD VII, 3015
Hortfund Hedemünden: FMRD VII, 7039
Hortfund Niederlangen: FMRD VII, 1004.
Hortfund Bingum-Soltborg: FMRD VII, 2008.
Hortfund Goldenstedt: FMRD VII, 3033.
Hortfund Gehrden: FMRD VII, 4031.
Hortfund Barenaue-Lutterkrug: Berger 1992, Anhang 1.


