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Über den Dächern der Stadt. Spätmittelalterliche Figuren am ›Dicken Turm‹ in Zerbst

Oktober 2026

Für gewöhnlich erkennt man Bodendenkmalpfleger daran, dass sie mit suchendem Blick ihre Augen auf den Boden richten und dort allerlei geschichtlich Bedeutsames entdecken, zumeist Keramikfragmente oder auch mal ein Steingerät oder gar einen Metallgegenstand. Dass man aber auch in schwindelerregender Höhe geschichtliche Relikte beobachten kann, soll in diesem Fund des Monats thematisiert werden. Diese Ausführungen beruhen zum großen Teil auf einen Beitrag von Ulrich Fach aus Zerbst aus dem Jahr 2015.

Wir befinden uns in der alten Residenzstadt Zerbst, die kriegsbedingt nur noch wenige bauliche Reste aus den mittelalterlichen Zeiten vorweisen kann. Zu diesen überregional bedeutsamen Massivbauten zählt neben der Stadtmauer und den beiden großen gotischen Kirchen St. Nikolai und St. Bartholomäus auf jeden Fall der auf der sogenannten Schloßfreiheit stehende markante Turm, im Volksmund ›Dicker Turm‹ genannt (Abbildung 1). Er dient heute der St. Bartholomäuskirche als Glockenturm. Allerdings ist unstrittig, dass dies nicht die originäre Funktion des Turmes ist, vielmehr war er als ehemaliger Wachturm der Burgsiedlung Bestandteil der mittelalterlichen Stadtbefestigung von Zerbst gewesen (Dehio 1975).

Die Wetterfahne des Turmes trägt die Jahreszahl 1542. 1542 müssen also die Renaissancegiebel auf dem Turm fertig gewesen sein. Es wird vermutet, dass sie von Ludwig Binder errichtet wurden. Er war seit 1540 Bürger der Stadt Zerbst und könnte also mit dem Umbau des Wachturmes betraut gewesen sein. Ludwig Binder war nicht nur Baumeister, sondern auch Bildhauer. In Zerbst schuf er das Neue Haus, von dem nur noch das Portal im Museum erhalten ist. Um den Wachturm als Glockenturm zu stabilisieren, hatte man ihn ummauert. Vielleicht hatte es durch die Benutzung der schon 1483 erwähnten großen Glocke zu Bauschäden geführt und somit den Anlass zur Verstärkung des Gemäuers gegeben. Deshalb wurde zusätzlich eine Außenwand aus sorgfältig behauenen Steinen vorgesetzt. Der verbliebene Zwischenraum wurde mit kleineren Steinen und betonartigem Mörtel verfüllt. Darüber hinaus wurden auch Steine aus einem Abriss, nicht mehr benötigte Bauelemente und sogar Figuren verwendet.

An der Nordseite ist ein Wetzrillenstein (Abbildung 2) auf halber Höhe eingelassen. Er war sicher früher in erreichbarer Höhe an einem sakralen Gebäude verbaut. Jetzt befindet er sich in einer Höhe, wo er normalerweise nicht zugänglich ist. Er muss sich also früher an einer anderen, besonderen Stelle eines geweihten Gebäudes befunden haben, wo man ihm bequem Material entnehmen konnte. Über die Entstehung und Funktion der Wetzrillensteine gibt es verschiedene Theorien. So schrieb man zum Beispiel dem abgeschabten Steinstaub heilende Wirkung zu und verwandte ihn als Medikament, auch gegen Pest. Eine große rechteckige Steinplatte oben im Mauerwerk war sicher einmal ein Grabstein (Abbildung 3).

Aufmerksamen Betrachtern entgeht nicht, dass im Turm auf halber Höhe einige Plastiken eingemauert sind (Abbildung 4). Beim näheren Hinsehen ist besonders die rechte Figur an der Ostseite gut auszumachen. Die Kunstgeschichte nimmt dieses Dekor bislang kaum war. Erstmals ausführlich erwähnt werden sie von Hermann Wiemann, 1907: 

»Was nun die eingemauerten Figuren betrifft, so ist die Annahme Beckmanns, in dieser einen Erbauer zu sehen, entschieden falsch. Sie sind jedenfalls Fragmente einer größeren Komposition, vielleicht einer Leidensstation, eines Altars, Grabmals oder dergl. Ohne Zweifel haben sie zu einer Darstellung: ›Jesus in Gethsemane‹ gehört; denn man kann in der einen Figur den betenden Heiland, in zwei anderen schlafende Jünger und in einer Gott den Vater erkennen. An der Südseite befindet sich eine interessante, einen König darstellende Figur, auf der Westseite ein Kopf. Während die Figuren auf der Ostseite aus der Gotischen Zeit stammen, sind diese romanischen Ursprungs. Irgendwelche Bedeutung besitzen die Figuren für den Turm nicht, sondern sie sind aus Spielerei von den Maurern - wie es ja auch jetzt noch geschieht - bei der Umänderung des Turmes aus dem Wartturm in den Glockenturmeingemauert worden.«

Für die Sanierungsarbeiten 2014 wurde der Turm bis zum Dach eingerüstet und es war möglich, alle Wände genauer in Augenschein zu nehmen und zu fotografieren. Es sind nicht nur die großen Findlingsblöcke, die bis zum Dach mit verwendet wurden, die imponieren.  

Einige Figuren sind heute stark verwittert und benötigen konservatorische Maßnahmen. Die markante Dreiergruppe besteht links aus der Büste eines bärtigen Gottvaters (Abbildung 5); schräg in der Mitte befindet sich ein Schlafender (Abbildung 6) und die markante dunkle Figur kann sehr sicher als Christus identifiziert werden (Abbildung 7). Ebenfalls an der Ostseite hat sich eine stark verwitterte Plastik erhalten, die möglicherweise einen in Schlaf versunkenen Sitzer zeigt (Abbildung 8). Noch stärker verwittert ist eine Plastik an der Südseite des Turms (Abbildung 9). Die sitzende und gebeugte Haltung spricht für die Darstellung eines schlafenden Jüngers. Weiterhin ist an der Westseite ein einzelner Kopf in sehr gutem Zustand erhalten.

Da es sich offenbar um ein biblisches Thema handelt, dem diese Figuren gewidmet waren, kann es sich nur um die im Neuen Testament beschriebene Ölbergszene handeln. Die plastischen Ölberggruppen entstanden im Allgemeinen im 15. und 16. Jahrhundert und sollten das Ereignis besonders veranschaulichen. Oftmals dienten sie auch als Ausgangspunkt für den Weg zu den Kreuzwegstationen.

Der bärtige Vater blickt von oben herab. Dabei ruht seine linke Hand auf einer Unterlage, wie man im Detail erkennen kann. Auf der historischen Aufnahme ist die rechte Hand in der segnenden Geste noch vorhanden. Er sieht auf den im Gebet knieenden Sohn. Dieser Figur fehlen die betenden Hände, die bei der Bombardierung von Zerbst verloren gingen. Sie waren vom Bildhauer ursprünglich angesetzt worden. Links ragt noch das eiserne, durch Blei fixierte Verbindungsstück aus dem Stein. 

Der merkwürdige Faltenwurf des langen Gewandes soll die kniende Stellung betonen (Abbildung 10). Es sind keine Zerstörungs- oder Verwitterungsspuren in diesem Bereich erkennbar. Warum der eine Schlafende so schräg zwischen diesen beiden Personen angeordnet ist, hat vielleicht etwas mit der Situation beim Einbau zu tun. Es soll jedenfalls eine Person darstellen, die zum Ruhen den Kopf auf einen Stein gelegt hat. Die Qualität weicht erheblich von der des Christus ab, was sich nicht nur an der Ausführung des Gesichtes, sondern auch an der einfachen Gestaltung der gut sichtbaren Hand zeigt. Die nun folgenden beiden anderen, stark verwitterten Figuren stellen ebenfalls schlafende Jünger dar.

Nach den Texten im Neuen Testament ist Christus mit drei Jüngern, Petrus, Johannes und Jacobus dem Älteren, am Abend vor der Festnahme auf den Ölberg gegangen. Trotzt seiner Mahnung schliefen diese drei Jünger immer wieder ein, während er betete. Jesus weckte nur Petrus und sprach mit ihm, was seine besondere Stellung hervorhebt. Er sollte es wohl sein, der da den Kopf auf einen Stein gebettet hat und deshalb als Plastik besonders markant ausgearbeitet wurde. Mit großer Wahrscheinlichkeit waren die Figuren in einer Gruppe zur Ölbergszene zusammengestellt, bevor sie von ihrem ursprünglichen Standort entfernt und im ›Dicken Turm‹ eingemauert wurden. Ungewöhnlich wäre dabei, dass auch der Gottvater dazugehört haben könnte. Darstellungen zu diesem Thema zeigen immer Jesus, der zu einem Engel aufblickt. Aber es bleibt noch ein sehr sorgfältig gearbeiteter Kopf mit heruntergezogenen Mundwinkelnan der Westwand übrig (Abbildung 11), der etwas tiefer angebracht ist als alle anderen Plastiken. Gehörte er dem Judas, der erst später zu den Jüngern kam und Jesus verriet?

Wer auch immer diese Bildwerke einmauerte, er achtete den unbekannten Künstler, der sie einst geschaffen hatte. Nicht ohne Bedeutung war sicher auch die den Leuten damals innewohnende Frömmigkeit. Sollten die Plastiken in der nachreformatorischen Zeit in die Turmmauern gelangt sein, als man Bildwerke aus den Kirchen und deren Umfeld entfernte? - 1522 wurden in Zerbst nur die Bilder der Heiligen, die an den Wegen vor den Toren standen, umgestürzt (Wäschke, 1913).

Das Entfernen der Figuren im Bereich der Bartholomäuskirche von ihrem ursprünglichen Standort könnte, genau wie das stark beschädigte Tympanon am Nordportal, eine Folge dieser Bilderstürmerei gewesen sein. Zu einem erneuten Sturm auf die ›Ölgötzen‹ kam es im April 1525, als die Kunde von den Erhebungen der Bauern Zerbst erreichte. »Die Bilder, Kreuze, Kerzen, Epitaphien und derartige Gegenstände waren aus der Nicolaikirche entfernt, auf einen Wagen geladen und darauf an das Augustinerkloster gefahren, wo die Heiligenbilder unter Schimpf und Spott im Beisein vieler Einwohner und fremder Leute unter einer Braupfanne verbrannt wurden.«,weiß Wäschke zu berichten.

1542 wurde Bauarbeiten am Turm abgeschlossen, wie die Jahreszahl am Turmknopf und die Einlagen in der Kapsel belegen, so dass die Figuren als »Baumaterial« zur Verfügung gestanden haben könnten. Auch wenn ein Teil der Figuren aus Sandstein minderer Qualität war, so dass sie die Jahrhunderte nicht überstanden. Die überlebenden Reste dokumentieren bis heute, welcher hohe Aufwand bezüglich der Ausschmückung der Hof- und Stiftskirche betrieben wurde.

Text: Ulrich Fach, Andreas Hille
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta, Tom Wilsdorf

Literatur

Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bezirk Magdeburg, (Berlin 1975).

Hermann Wäschke, Geschichte Anhalts im Zeitalter der Reformation, (Cöthen 1913).

Hermann Wiemann, Geschichte der Hof- und Stifts-Kirche zu St. Bartholomäi, (Zerbst 1907).

Ulrich Fach, Figuren am Dicken Turm in Zerbst. In: Kirchengemeinde St. Bartholomäi Zerbst/Anhalt (Hrsg.), 800 Jahre Hof- und Stiftskirche St. Batholomäi; Erlebtes und Erforschtes aus 800 Jahren, (Zerbst 2015) 66—71.

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