Stiftskirche St. Marien Walbeck
Oktober 2026
Die ehemalige Stiftskirche St. Marien in Walbeck an der Aller wurde nach 941 von Graf Lothar II. als Sühneleistung für seine Beteiligung an einer Verschwörung gegen König Otto I. gegründet. Ursprünglich als einschiffiger Saalbau mit Querhaus, Chorjoch und Apsis errichtet, wurde sie nach einem Brand im 11. Jahrhundert durch den Anbau von Seitenschiffen zur Basilika erweitert. Um 1100 erhielt sie einen Westquerbau. Das seit 1591 evangelische Stift wurde 1810 aufgelöst. Trotz ihres seit dem 19. Jahrhundert ruinösen Zustands zählt die Kirche zu den bedeutenden architektonischen Zeugnissen der Ottonenzeit. Nur an wenigen Orten hat sich aufgehendes Mauerwerk aus dieser Zeit erhalten, was der Walbecker Anlage einen besonderen kunst- und architekturhistorischen Rang verleiht.
Bei archäologischen Grabungen im Jahr 1932 wurde inmitten der Vierung eine einzigartige, reich verzierte Tumba aus Stuck freigelegt. Sie war vermutlich im 18. oder 19. Jahrhundert in die darunterliegende Grabkammer gestürzt und dabei zerbrochen. Nach der Bergung und ersten Sicherungsmaßnahmen wurde sie in die neoromanische Dorfkirche von Walbeck überführt, dort zusammengesetzt, behutsam ergänzt und auf einem neu errichteten Kunststeinsockel aufgestellt. Die etwa zwei Meter lange und 0,5 Meter hohe Tumba besteht aus massivem Hochbrandgips und war ursprünglich farbig gefasst. Die Aufstellung erfolgte eingebunden in einen Schmuckfußboden. Ihre Seiten sind mit einer umlaufenden Rundbogenreihe verziert, die von unterschiedlich profilierten Gesimsen eingefasst wird.
Die Oberseite weist zwei rechteckige Vertiefungen auf, in die einst vermutlich Alabasterplatten eingelassen waren. Die beiden Vertiefungen werden in der Mitte durch ein breites, heute glattes Band voneinander abgegrenzt. Die Oberseite wird insgesamt von zwei unterschiedlichen, umlaufenden Ornamentfriesen eingerahmt, die sich nur in Resten erhalten haben. Direkt an die Alabasterplatten grenzte ein Zahnfries mit verschiedenfarbigen Dreiecken (schwarz, rot, Stuckfarbe) an. Ein sich daran anschließender Rankenfries wird von zwei doppellinigen Bändern eingefasst. Die Farbgebung der Stucktumba in Rot, Weiß und Schwarz imitierte wahrscheinlich edle Materialien und unterstrich mitsamt des aufwändigen Ornaments die repräsentative Gestaltungsabsicht. Typologisch steht die Tumba in der Tradition spätantiker Säulensarkophage, weist aber auch formale Parallelen zu Tragaltären und ornamental gefassten Altarsteinen auf.
Die aufwändige Ausstattung und die zentrale Position der Tumba deuten auf die Bestattung einer hochrangigen Persönlichkeit hin, möglicherweise des Stiftsgründers Lothar II. selbst. Die Walbecker Stucktumba gilt als singuläres Kunstwerk ohne direkte Vergleichsstücke. Ihre Bedeutung wird durch die einzigartigen Farb- und Materialbefunde zusätzlich gesteigert.
Als eines der wenigen erhaltenen Grabdenkmäler aus der vorromanischen Zeit nördlich der Alpen besitzt sie herausragenden kunsthistorischen Wert und zeugt von der frühen Entwicklung monumentaler Grabplastik im mittelalterlichen Deutschland.
Text: Sebastian Händler
Online-Redaktion: Tom Wilsdorf
