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Mit Blumen geschmückt? Pollenuntersuchungen entschlüsseln vergangene Beigaben im Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg

4. März 2026

Die folgende Presseinformation ist auch als PDF [0,3 MB, nicht barrierefrei] zum Herunterladen erhältlich.

Das etwa 9.000 Jahre alte Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg (Saalekreis) ist einer der spektakulärsten Befunde der mitteleuropäischen Archäologie. Bereits 1934 unter großem Zeitdruck ausgegraben, konnten bei Nachuntersuchungen am Fundort ab 2019 Reste der Grabgrube gesichert und als Block geborgen unter Laborbedingungen untersucht werden. Pollenuntersuchungen lassen nun vermuten, dass der Bestatteten Blütenpflanzen mit ins Grab gegeben wurden. Die Blühzeiträume der im Kopfbereich nachgewiesenen Pflanzen verweisen möglicherweise auf eine Bestattung im Juli.

Das Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg (Saalekreis) ist einer der spektakulärsten Befunde der mitteleuropäischen Archäologie. In der Mittelsteinzeit, vor etwa 9.000 Jahren, war hier eine 30- bis 40-jährige Frau begraben worden, ein ungefähr sechs Monate altes Kind war in ihre Arme gelegt worden. Unter anderem zeigen ein Kopfschmuck aus Rehgeweih und Tierzahngehänge die besondere Stellung der Toten als Schamanin, als spirituelle Anführerin ihrer Gruppe, an.

Bereits 1934 zufällig bei Kanalarbeiten entdeckt, musste das Grabinventar innerhalb nur eines Nachmittags geborgen werden. Seit Dezember 2019 fanden in Vorbereitung der Landesgartenschau im Kurpark von Bad Dürrenberg Ausgrabungen im Bereich der vermuteten Fundstelle des Grabs der Schamanin statt. Tatsächlich konnte die Fundstelle ausfindig gemacht werden. Da die ursprüngliche Ausgrabung nur durch einen schmalen Graben erfolgt war, blieben Teile der mit Rötel durchsetzten Grabgrube unangetastet. Zahlreiche 1934 übersehene Funde konnten geborgen und der Grabgrubenrest von einer internationalen Forschergruppe mit neuesten naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Dabei ergaben sich auch Hinweise auf Grabbeigaben, die die Zeit nicht überdauert haben. Pollenuntersuchungen liefern ein Indiz für Blütenschmuck im Kopfbereich der Schamanin.

Pollen von Blütenpflanzen im Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg

Blumen beziehungsweise Blühpflanzen als Grabbeigaben werden bereits für die frühesten bekannten Bestattungen diskutiert. So wurde in der Bestattung eines Neandertalers in der Shanidar-Höhle im irakischen Zagros-Gebirge eine ungewöhnlich hohe Konzentration von Blütenpollen nachgewiesen. Vom Ausgräber als Überreste von Blumen, die dem Bestatteten beigeben worden waren, interpretiert, gibt es mittlerweile auch abweichende Deutungen, die auf eine mögliche Einschleppung der Pollen durch Insekten in die Höhle verweisen. Sicher sind hingegen rund 13.700 bis 11.700 Jahre alte Blumennachweise in Bestattungen aus der Raqefet Höhle in Israel. Hier hatten Jäger und Sammler vier Bestattungen mit umfangreichem, farbenfrohem Blütenschmuck ausgestattet beziehungsweise die Grabgruben damit ausgelegt. Es lag daher nahe, auch in der Bad Dürrenberger Bestattung nach Resten von Blütenpflanzen zu suchen. Die Analysen wurden von der Pollenanalytikerin Elisabeth Endtmann des Landesamtes für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt durchgeführt.

Unter dem Mikroskop konnten tatsächlich Pollen, wenn auch in eher geringer Anzahl, festgestellt werden. Besonders interessant ist der Nachweis einer Pollenkonzentration im Kopfbereich der Schamanin. Dort fanden sich Pollen von optisch attraktiven Blütenpflanzen, wie etwa Mädesüß, Königskerze, Hahnenfuß und Teufelsabbiss oder Scabiosa. Mädesüß blüht weiß, cremefarben, rosa oder rot, Königskerze meist gelb, selten weiß oder purpurfarben, Hahnenfuß leuchtend gelb, Teufelsabbiss violett bis blau, Scabiosa häufig ebenso. Es hätte sich also ein recht farbenprächtiges Bild geboten. »Vermutlich verfingen sich die Pollen im Haar der Schamanin noch zu ihrer Lebzeit. Denkbar ist aber auch, dass bei der Bestattung ihr Kopf auf Blumen gebettet wurde. Abschließende Gewissheit wird es aufgrund der geringen Anzahl von Pollenfunden leider nicht geben«, erklärt Elisabeth Endtmann.

Unter den Pollen im Grab fallen weiterhin zahlreiche Pflanzen auf, die Funktionen in der traditionellen Volksmedizin besitzen. Die Blätter der Birke finden aufgrund ihrer harntreibenden Wirkung bei Blasenentzündungen, Rheuma, Gicht und Wassersucht Verwendung. Faulbaumrinde wird als Abführmittel genutzt, Hopfen kann als Sedierungsmittel dienen, Frauenmantel wird bei der Behandlung von Wunden, Blutungen, Geschwüren, Bauchschmerzen, Nierensteinen und Kopfschmerzen eingesetzt. »Ob der Schamanin von Bad Dürrenberg die medizinischen Eigenschaften der Pflanzen bewusst waren, bleibt selbstverständlich unklar«, erläutert Landesarchäologe Harald Meller, »doch gibt es zahlreiche ethnographische Beispiele dafür, dass Schamanen Heilpflanzen einsetzen und Jäger und Sammler, die von und im Einklang mit ihrer Umwelt leben, verfügen häufig über solches Wissen.«

Mit einiger Vorsicht kann aus den Blühzeiten der im Kopfbereich der Schamanin nachgewiesenen Pflanzen auf den Zeitpunkt der Bestattung geschlossen werden. Die größte Überschneidung der Blühzeiträume ergibt sich für den Monat Juli. Interessant ist auch die Feststellung von Grünalgen im Grab, die an den Federn von Wasservögeln gehaftet haben dürften, die sich ebenfalls im Grab nachweisen lassen (siehe die Presseinformation vom 11. Dezember 2025).

Neben den Pollenuntersuchungen haben die Forschungen der letzten Jahre noch zahlreiche weitere neue Erkenntnisse zum Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg erbracht. Diese werden ab dem 27. März 2026 im Rahmen einer großen Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) der Öffentlichkeit vorgestellt.

Sonderausstellung ›Die Schamanin‹

Vom 27. März bis zum 1. November 2026 zeigt das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) die große Sonderausstellung ›Die Schamanin‹. Ausgehend von den neuesten Forschungsergebnissen zur außergewöhnlichen Bestattung der Schamanin von Bad Dürrenberg wird in der Schau den frühesten Hinweisen auf das Phänomen des Schamanismus nachgegangen. Ein großer Teil der Ausstellung widmet sich zudem der Mittelsteinzeit als wichtiger Phase der kulturellen menschlichen Entwicklung, die viel mehr ist, als nur ein Intermezzo zwischen dem Ende der Eiszeit und dem Beginn des Neolithikums.

Nie zuvor wurde in Mitteleuropa eine vergleichbar aufwendige Sonderausstellung zum urgeschichtlichen Schamanismus und zur Mittelsteinzeit gezeigt. In einer atmosphärischen Inszenierung werden auf 900 Quadratmetern beeindruckende und wissenschaftlich hochrangige Exponate aus zahlreichen internationalen Sammlungen präsentiert. Leihgeber und weitere kooperierende Institutionen unter anderem aus Israel, Schweden, Dänemark, Estland, Finnland, England, Serbien, Italien und Spanien öffnen den Blick weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus. Die Exponate führen uns von den allerersten Anfängen der Religion zu der spirituellen Spezialistin von Bad Dürrenberg. Zugleich zeichnet die Schau ein Lebensbild der mesolithischen Epoche, die von enormen Herausforderungen, durch den Beginn der jetzigen Warmphase aber auch völlig neuen Möglichkeiten geprägt war.

Ausstellung: ›Die Schamanin‹ – 27. März bis 1. November 2026 – Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale). Weiterführende Informationen finden Sie unter ausstellung-schamanin.de.

Zur Ausstellung erscheint im März 2026 ein reich bebilderter Begleitband im Hirmer Verlag: Harald Meller/Michael Schefzik/Anja Stadelbacher (Hrsg.), Die Schamanin. 216 Seiten, 180 Abbildungen, 25,5 mal 30 Zentimeter, Klappenbroschur. ISBN: 978-3-7774-4674-5.

Kontakt

Dr. Tomoko Emmerling | Dr. Oliver Dietrich
Öffentlichkeitsarbeit
+49 345 5247-384 | -334
oeffentlichkeitsarbeit@lda.stk.sachsen-anhalt.de

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